Ich muss ziemlich komisch ausgesehen haben als mir die Frage „Wie kann Ihr Kind Laufen lernen?“ zum ersten Mal gestellt wurde.

Zuerst sah man mir wahrscheinlich meine Verwirrung an als ich hastig nach einer Antwort grübelte. Ja, wie lernt ein Kind das Laufen? Gleichgewicht schulen, Bewegungsabläufe koordinieren und ganz viel Üben – wie das halt so ist, oder nicht? Warum werde ich das gefragt? Und warum fragt mich das eine Erzieherin aus der Kita?

Krümel war gerade in die Kita eingewöhnt und hatte dort mit dem Laufen begonnen. Die ersten zielgerichteten Schritte waren geschafft und er lernte jeden Tag dazu.

Während ich weiter angestrengt nachdachte, zog sich mein „Mmmm“ immer mehr in die Länge. Gerade als ich bei der Erzieherin nachhaken wollte, was sie denn genau meinte, dämmerte es mir: Sie wollte wissen, wie mein kleiner Sohn das Laufen lernen kann, wo ich doch sehbehindert und dadurch in meiner Bewegungsfreiheit zum Teil eingeschränkt bin.

Da wurde ich vermutlich kurzzeitig blass im Gesicht. Dann spürte ich Hitze in mir aufsteigen.

„Mein Kind lernt Laufen. Ich bin sehbehindert. Was ZUM HENKER hat das miteinander zu tun?!“

Zugegeben, das habe ich nicht laut ausgesprochen – wohl aber gedacht. So spontan und direkt bin ich jedoch nicht. Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass die Frage nicht anmaßend gemeint war. Also antwortete ich, dass wir selbstverständlich viel draußen unterwegs sind und der Kleine alle Freiheiten hat, die andere Einjährige auch haben. An der Straße oder im dichten Gedränge in der Stadt läuft er an der Hand. Wenn das nicht geht, sitzt er im Buggy. Im Park oder auf dem Spielplatz kann er sich austoben.

Auch wenn ich alleine mit dem Kleinen unterwegs bin, kann er sich frei bewegen. Ich muss nur darauf achten, dass ich ganz in seiner Nähe bleibe, um ihn gut zu erkennen. In der belebten Innenstadt lasse ich ihn nicht einfach drauf loswackeln, aber das ist schätzungsweise wenig ungewöhnlich.

Ein kleines Kind geht an der Hand seiner Mutter im Park spazieren und greift freudig nach einer Blume.

In den folgenden Wochen bekam ich diese Frage noch weitere Male von unterschiedlichen Menschen gestellt. Die Frage war jedes Mal nicht böse gemeint, dennoch haben sie etwas an meiner Mama-Würde gekratzt. Es ist kein besonders angenehmes Gefühl zwischen den Zeilen vermittelt zu bekommen, dass andere Menschen an deinen Kompetenzen als Mutter zweifeln. Vielleicht ist „zweifeln“ hier auch ein zu hartes Wort. Es ist wohl eher eine Mischung aus Unsicherheit und reiner Neugierde. Viele Menschen können sich nicht vorstellen wie man als Elternteil mit Behinderung zurechtkommt. Woher auch?

Im Grunde genommen bin ich froh, dass mich die Leute angesprochen haben, anstatt sich einfach ihren Teil zu denken. So hatte ich die Gelegenheit, Bedenken direkt aus dem Weg zu räumen und zu erklären wie wir uns organisieren. Seit Krümel mit den anderen Kindern durch die Gegend flitzt, haben sich dieser Art Fragen übrigens erledigt.

Ich schätze, ich muss mich daran gewöhnen, dass auch in Zukunft solch ungewöhnliche Fragen aufkommen werden. Und wie schon gesagt bin ich letztlich um Jeden froh, der mir seine Fragen höflich(!) und direkt stellt, statt sich im Stillen seine eigenen Antworten zu geben.

Viele Menschen haben und hatten in ihrem Leben kaum bis gar keinen Kontakt mit behinderten Menschen. Und noch weniger mit Müttern oder Vätern mit Handicap. Selbst ich kann meine Begegnungen mit anderen behinderten Eltern an einer Hand abzählen. Da wundert es mich nicht, wenn automatisch Fragen aufkommen.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich ja auch Fragen. Ziemlich viele sogar. Auch ich interessiere mich dafür wie andere ihren Familienalltag wuppen. Nicht zuletzt lese ich daher gerne Elternblogs und habe selbst einen solchen gestartet. Austausch ist wichtig und richtig – ganz unabhängig vom Thema „Behinderung“. Wir können so viel von einander lernen.

 

Logo der Blogsammlung "Eltern mit Behinderung"

Dieser Text ist Teil der Blogreise „Eltern mit Behinderung“, die von der tollen und engagierten Ju vom Blog Wheelymum organisiert wird. Auf dieser Blogreise, die am 26. Januar bei Ju startete und am 23. März bei Nici von Rollimami enden wird, erscheint jeden Donnerstag auf einem anderen Blog ein Artikel rund um das Thema „Eltern mit Behinderung“. Den nächsten Beitrag zur Blogreise wird es kommenden Donnerstag bei Beate von chronischhochdrei geben.

Zu gewinnen gibt es am Ende der Blogreise (23. März) auch noch etwas und zwar ein wunderschönes Puppenhaus. Details zum Puppenhaus und zum Ablauf des Gewinnspiels findet ihr bei Wheelymum.

Am Ende jedes Beitrags der Blogreise könnt ihr ein Wort sammeln, das am Ende der Reise den Lösungssatz für das Gewinnspiel ergibt.

Und nun zum Lösungswort für diese Woche: Gesucht ist das 2. Wort aus folgendem Satz, den wohl die meisten Eltern gut kennen:

„Sind wir schon da?“

Und nun wünsche ich euch weiterhin viel Spaß beim Verfolgen der Blogreise und vielleicht entdeckt ihr dabei den ein oder anderen interessanten Blog für euch.

„Wie kann Ihr Kind Laufen lernen?“
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