In meinem allerersten Blogeintrag vor über zwei Jahren habe ich Euch erzählt wie ich mit dem Babysohn Bilderbücher anschaue und wie das auch mit Sehbehinderung funktionieren kann. Schon damals habe ich mir Gedanken darüber gemacht wie das später klappen kann, wenn die Geschichten länger und die Bilder detailreicher werden. Eine konkrete Vorstellung davon hatte ich damals jedoch noch nicht.

Mittlerweile habe ich hier einen Dreijährigen sitzen, der Bücher liebt und täglich in bekannte und neue Geschichten eintauchen möchte. Dabei gehen die Texte schon lange über die Vierzeiler aus seinen alten Bilderbüchern hinaus. Seine Konzentration reicht für viele Seiten aus und uns erschließen sich in der Welt der Bücher ganz neue Möglichkeiten.

Ich genieße es, mich mit dem Kleinen auf dem Sofa unter eine warme Decke zu kuscheln und mit ihm neue Welten zu entdecken. Das Vorlesen selbst klappt dabei nach wie vor prima. Nur meine Herangehensweise hat sich im Vergleich zu vor zwei Jahren geändert.

Eine Doppelseite aus einem Benjamin Blümchen Buch mit Illustration.

Während ich die Bilderbücher im ersten Lebensjahr mehr oder weniger auswendig lernte, bevor ich sie mir mit dem Kleinen anschaute, funktioniert diese Strategie mittlerweile nicht mehr. Allein die Anzahl unserer Kinderbücher übersteigt mein Können. Zudem sind die Texte inzwischen deutlich länger geworden und auf den Buchseiten tummeln sich viel mehr Details. „Kuh, Wiese, Blume, Wolke“ lässt sich leichter einprägen als der Inhalt eines Wimmelbild in DIN A3.

Es musste also ein neuer Weg gefunden werden. Geschichten sind wunderbar und wertvoll. Ich selbst bin mittlerweile schon lange auf Hörbücher umgestiegen, die es mittlerweile zum Glück zu fast jedem Roman gibt. Seit vielen Jahren habe ich kein gedrucktes Buch mehr angeschafft, da das Lesen mit bloßem Auge für mich schlicht und einfach nicht mehr machbar ist. Dennoch hege ich eine große Liebe für Bücher. Ich mag und vermisse das Gefühl eines Buches in der Hand, den Geruch der Seiten beim Schmökern und das Stöbern im Buchladen um die Ecke. Diese Liebe möchte ich meinem Sohn weitergeben. Daher füllt sich unser Bücherregal stetig mit neuem Lesestoff.

Ein Stapel Kinderbücher

Als ich merkte, dass ich mit meiner Auswendiglern-Taktik allmählich an meine Grenzen stoße, machte ich mich aktiv ans Ausprobieren neuer Vorlesetechniken.

Mein erster Gedanke war es auf meine altgediente Lupe zurückzugreifen. Das Modell mit eingebauter Beleuchtung ermöglicht es mir, auch in verschiedenen Sitzpositionen und bei suboptimalen Lichtverhältnissen genug zu erkennen. Auch vergrößert die Lupe in den meisten Fällen ausreichend. Doch sie erwies sich nicht als Ideallösung. Jeder, der schon einmal ein Kleinkind zum Vorlesen auf dem Schoß hatte, weiß wie gelassen und in sich ruhend so ein kleiner Geselle ist. – Nein? Wisst ihr nicht? Ich auch nicht. Die Realität sieht nämlich weitaus wackeliger und zappeliger aus: Da wird aufgeregt auf Seiten gepatscht, lustig vor- und zurückgeblättert und auch mal hingebungsvoll an Seiten gelutscht.

Zwischen all dem fällt es mir schwer, mein Gesicht zwischen Kinderkopf und Buch zu manövrieren – an den wackelfreien Einsatz der Lupe ist da nicht zu denken. Also musste eine andere Lösung her.

Zum Glück leben wir im digitalen Zeitalter. So zückte ich mein Smartphone und versuchte es damit. Im Vergleich zu meiner regulären Lupe sind hier das Display und damit der Bildausschnitt deutlich größer. Außerdem kann ich auf dem Smartphone auf Knopfdruck einen invertierten Modus einschalten, der mir das Lesen zusätzlich erleichtert. Im Hinblick auf die Herausforderung mit dem hippelnden und hoppelnden Kleinkind war das allerdings auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Selbst die beste Handy-Kamera kann da nicht mehr zuverlässig fokusieren. Eine für alle zufriedenstellende Lösung haben wir trotzdem gefunden.

Unsere Vorlese-Sessions sehen wie folgt aus: Krümel schnappt sich ein Buch aus dem Regal und wir machen es uns auf der Couch oder an einem anderen Plätzchen unserer Wahl gemütlich. Krümel blättert an die Stelle, die er möchte und ich mache mit dem Smartphone ein Foto von der Seite. Dann kuscheln wir uns aneinander. Nun kann ich die abfotografierte Buchseite auf dem Display nach Belieben vergrößern und vorlesen. Manchmal schaut sich Krümel dabei die „richtige“ Buchseite an, manchmal schaut er lieber zu mir aufs Handy. Gerade bei detailreichen Zeichnungen fällt uns auf diese Weise noch das ein oder andere versteckte Detail auf.

Bilderbuch auf dem Smartphone vorlesen

Ein weiterer Vorteil des Smartphones ist es, dass ich die abfotografierten Seiten als Favoriten speichern kann. So haben wir Krümels Lieblingsgeschichten auf Reisen immer dabei – ohne schwere Bücherstapel mit uns rumschleppen zu müssen. Auch kann man so prima im Dunkeln unter der Bettdecke lesen, wenn der Sohn in seiner „Höhle“ vorgelesen bekommen möchte.

Einen Nachteil hat die Sache allerdings: Um den vergrößerten Text zu erfassen, muss ich das Handy mit beiden Händen halten und bedienen. Dann wünschte ich mir manchmal einen dritten Arm. Aber wir schaffen es auch so, engen Körperkontakt zu halten und auf unsere Kuschel-Kosten zu kommen.

 

Für Krümel ist es übrigens normal, dass Mama beim Vorlesen kurz mit dem Handy hantiert, bevor es losgeht. Es ist für uns beide ganz natürlich. Erst wenn ich ein anderes Kind zum Vorlesen auf dem Schoß habe, merke ich, dass wir da etwas anders sind als andere. Heute hatten wir zum Beispiel meinen zweijährigen Neffen zu Besuch. Als er sich mit einem Buch zu mir setzte und ich vorzulesen begann, schaute er irritiert. Klar, Mama und Papa zücken zum Vorlesen nicht ihr Handy. Und die Erzieherinnen und Erzieher in der Kita sicher auch nicht.

Ich erklärte ihm, dass ich den kleinen Text nicht lesen kann und ihn deswegen auf dem Handy vergrößere. Ich zeigte ihm den vergrößerten Text. Er schaute erst das Handy, dann das Buch und schließlich mich an. Dann nickte er kurz und das Thema war für ihn geklärt. Mit Kindern ist das manchmal herrlich unkompliziert.

Ich vermute, wir werden die kommenden Jahre gut mit dieser Vorleseart zurecht kommen. Je älter Krümel wird, desto weniger wird es ihm auf die Bilder ankommen. In einigen Jahren werden wir vermutlich auf den E-Book-Reader umsteigen. Aber bis dahin ist es ja noch eine Weile.

Ich träume schon davon, ihm die Geschichten vorzulesen, die ich als Kind in mein Herz geschlossen habe.

 

Was ist anders #4 – Vorlesen: The Next Level
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