Es war unser erstes Treffen mit der Krabbelgruppe. Krümel war damals zehn Monate alt. Wir hatten es auch tatsächlich pünktlich zum Treffen geschafft – keine volle Windel kurz vor dem Gehen, kein verschobener Schlafrhythmus, Kind satt und zufrieden. Wir waren schon ein bisschen stolz auf uns. Obendrein hatte Krümel am Wochenende zuvor tatsächlich mit dem Krabbeln angefangen, als hätte er sich vom bevorstehenden Termin anspornen lassen.

Außer uns war erst eine Mama mit ihrem kleinen Sohn da. Die beiden saßen schon auf einer Matte und spielten. Als wir uns dazusetzten und Krümel krabbeln ließen, sagte sie:

„Felix wird nächste Woche ein Jahr. Er krabbelt noch nicht.“ Bevor wir etwas erwidern konnten, schob sie hastig hinterher: „Aber dafür redet er schon ganz viel.“

Das Blöde ist, dass ich genau wusste, weshalb sie das sagte. Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass besagt: Wenn Eltern aufeinandertreffen, fängt früher oder später das Vergleichen der Kinder an. Einerseits finde ich das ganz natürlich: Man beobachtet die anderen Kinder (und auch wie die Eltern mit ihnen umgehen) und zieht in Gedanken seine Vergleiche zum eigenen Kind und dem eigenen Verhalten. Oft kann ich aus dem Beobachten auch etwas Positives wie einen Denkanstoß oder einen neuen Ansatz mitnehmen. Im schlimmsten Fall weiß ich zumindest, wie ich es nicht machen will.

Problematisch finde ich es, wenn die Kinder ganz offen verglichen oder herausgestellt werden.

 

„Also unser Klaus-Malte konnte mit 10 Monaten ja schon laufen.“

„Ach? Björn-Kevin konnte das schon mit 9 Monaten. Aber hast du von der Bärbel gehört? Ihre Tochter kann noch nicht laufen und die ist schon fast ein Jahr!“

„Klein Jürgen hat schon alle Backenzähne!“

 

Solche Gespräche mögen vielleicht übertrieben klingen, aber ich habe sie leider schon in den verschiedensten Variationen gehört. Dabei stecken in jedem dieser Sätze entweder die Wörtchen „noch nicht“ oder „schon“.

Es ist ja auch schön, wenn Eltern auf ihre Kinder stolz sind und die reine Tatsache, dass ein Kind etwas kann ist toll und ein Grund zur Freude. Ich finde es nur traurig, wenn diese Tatsache zu Lasten eines anderen Kindes geht. Das tut mir manchmal fast weh. Denn was, wenn Björn-Kevin mit einem Jahr noch nicht laufen kann? Oder gar mit eineinhalb?

Diese Sätze mit „noch nicht“ und „schon“ führen meiner Erfahrung nach fast immer dazu, dass sich eine Gesprächspartei in die Verteidigungsposition gedrängt fühlt. Denn als Eltern ist man besonders angreifbar, wenn es um die eigenen Kinder geht – auch dann, wenn es sich um alberne Vergleiche handelt, die eigentlich keinen Sinn ergeben. Denn was sagen solche Vergleiche aus? Björn-Kevin kann mit 9 Monaten laufen. Das ist doch schön für den kleinen Mann – für die Eltern vielleicht weniger, weil sie jetzt dem Nachwuchs hinterher rennen müssen. Und wenn er erst ein halbes Jahr später damit angefangen hätte – so what?

Eine Steigerung dieser Spielplatzgespräche erlebte ich, als ich vor einigen Wochen interessehalber im Internet nachlesen wollte, wie Krümels U7-Untersuchung in etwa ablaufen würde. Da las ich Dinge, die mich zum Nachdenken brachten. Ich las von Eltern, die mit ihren Kindern Monate vor der Untersuchung für die Untersuchung „üben“: Puzzeln, Gegenstände aufheben, Sprachübungen, Türmchen bauen usw. Mir kam es befremdlich vor mit einem Zweijährigen wie für einen Test in der Schule zu üben. Wozu das?

Hat das etwas mit Versagensängsten zu tun? Mit der Sorge, das Kind könnte sonst von den Gleichaltrigen abgehängt oder vom Arzt schief angeschaut werden? Oder hängt es einfach mit dem tiefen Bedürfnis zusammen, von Anfang an das Beste für sein Kind zu wollen? Vielleicht entgeht mir der eigentliche Grund auch völlig.

Vielleicht ist es auch die Angst, das eigene Kind könnte nicht in das enge Korsett passen, in das es von Medizin und Gesellschaft gepresst wird.

Dann erinnerte ich mich an Krümels Babyzeit zurück. Er war etwa fünf Monate alt und drehte sich nicht. Er zappelte, er brabbelte, er wackelte, doch er drehte sich nicht. Zwar hatte er einige Wochen zuvor zweimal eine Drehung vollbrach, doch das war eher zufällig und danach gar nicht mehr. Da spürte ich langsam aber stetig die Unruhe in mir aufkommen: „Ist alles in Ordnung mit ihm? Fehlt ihm was oder lässt er sich einfach nur etwas Zeit damit? Aber das Babymädchen aus dem Rückbildungskurs hat sich doch schon mit 3 Monaten ständig gedreht… Nein, Krümel lässt sich bestimmt nur Zeit. Aber dieses Babymädchen…!“

Ich hasste diese Gedanken und tat sie jedes Mal sofort als albern ab. Dennoch ertappte ich mich dann beim „Üben“:

„Schau mal, Krümel. Beinchen hoch, zur Seite und schwupps!“

Da! Ich machte das, was ich partout nicht tun wollte. Ich hörte mit dem Üben sofot wieder auf. Dann kamen die Gedanken erneut und zack, fing ich wieder damit an. So ging es hin und her, hin und her.

Bei der U5 – Krümel war fast ein halbes Jahr alt – platzte es dann aus mir heraus: „Krümel dreht sich noch nicht. Fehlt ihm etwas? Ich habe mit ihm geübt, aber…“ Ich war tatsächlich verunsichert. Zum Glück haben wir einen gelassenen Kinderarzt. „Ach, der macht das schon. Haben Sie einfach etwas Geduld“, waren seine Worte.

Viel Geduld war jedoch gar nicht mehr nötig, denn wenige Tage später drehte sich Krümel stolz hin und her. Ganz ohne mein mütterliches Zutun.

Und was lernte ich daraus? Habe ich überhaupt etwas daraus gelernt? Jein, würde ich sagen. Ich mache mir immernoch wegen vielen Dingen zu schnell Gedanken. Doch bin ich zumindest ein Stück gelassener geworden. Ich vertraue dem Krümel, dass er sein eigenes Tempo geht. Egal ob schneller oder langsamer als Björn-Kevin oder irgendein errechneter Durchschnitt in einer Entwicklungstabelle.

Kinder entstehen nicht am Reißbrett. Und das ist gut so. Jedes Kind ist anders. Jedes verfolgt seinen ganz eigenen geheimen Plan und wir Eltern können da meist nicht viel mehr beitragen als dasein und liebhaben. Und auch das ist gut so. Also lassen wir doch unsere Kinder einfach mal sein.

Ich für meinen Teil werde beim nächsten Mein-Kind-kann-was-was-deins-nicht-kann-Gespräch nur noch gelassen und freundlich nicken. Ich vertraue meinem kleinen Bub. Der macht das schon.

Zeichnung eines kleinen Kindes auf einem Reißbrett

Vom Vergleichen – Kinder entstehen nicht am Reißbrett
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