Ich gebe es zu: Wir hatten Schiss. Schiss vor einer langen Fahrt mit Baby. So viel Schiss, dass wir nie länger als eine Stunde mit dem Baby-Krümel unterwegs waren. Diese Angst kam vor allem daher, dass Krümel noch nie ein großer Fan des Autofahrens und des in den Kindersitz-eingezwängt-Seins war.

In den ersten Monaten verschlief er kurze Fahrten meist noch, machte aber auch da nie einen besonders entspannten Eindruck. Je älter er wurde, desto schwieriger wurde es die Fahrten an seinem Schlafrhythmus auszurichten. Oft war Krümels Geduld spätestens nach zehn Minuten Fahrt aufgebraucht und er fing an zu meckern, dann zu schreien und schließlich aus voller Kehle und untröstlich zu Brüllen. Das zerriss uns jedes Mal das Herz. Mir läuft selbst jetzt beim Schreiben noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diese Situationen zurückdenke.

Alle Versuche der Ablenkung mit Singen, Fingerspielen und dergleichen hatten meist nur kurzen Erfolg. Nicht selten waren wir nach 20-30 Minuten Fahrt alle schweißgebadet und heilfroh am Ziel zu sein.

So kam es für uns nicht in Frage, eine längere Fahrt z. B. zur Schwiegerfamilie geschweigedenn in den Urlaub zu unternehmen. Viel zu groß war unsere Angst, dass die Fahrt zur Tortur werden würde. Viele konnten das nicht verstehen und fragten immer wieder, warum wir denn nicht mal vorbei kämen. Aber an einen gemütlichen Familienausflug durch halb Deutschland war nicht zu denken.

Ich muss dazu sagen, dass wir kein eigenes Auto besitzen und daher immer bei Freunden oder Familie mitfahren, wenn sich ein Ziel nicht oder nur schlecht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. dem Zug erreichen lässt. Daher waren die Autofahrten bei uns (zum Glück) recht selten. Aber eine mehrstündige Autofahrt? Mit „fremdem“ Auto, also auch ohne 100%ige Selbstbestimmung? Was ist, wenn wir irgendwo im Stau stecken bleiben? Nein danke, ohne uns!

Seit Krümel während der Fahrt etwas knabbern kann, ist es mittlerweile deutlich entspannter geworden. So ist er zumindest eine Weile zufrieden. Auch der neue Kindersitz, durch den er endlich in Fahrtrichtung schauen kann, hat geholfen. Und mittlerweile können wir auch kleine Spiele zur Ablenkung spielen: „Siehst du eine Fahne?“, „Welche Farbe hat das Motorrad?“, „Ist die Ampel noch rot?“. Das hilft alles nie sehr lange, aber in Summe lassen sich so schon ein paar Kilometer ohne große Probleme zurücklegen.

Was unseren Bewegungsradius mit dem Auto angeht, arbeiten wir uns also langsam voran. Was die Bahn betrifft sind wir schon deutlich weiter fortgeschritten.

Auch was das Bahnfahren angeht haben wir uns lange gesträubt, länger als 30 bis allerhöchstens 60 Minuten unterwegs zu sein. Denn auch hier hatten wir die tiefsitzende Sorge, es könnte genau so ablaufen wie im Auto. Und auch hier konnte ja die Klimaanlage ausfallen, die Gänge überfüllt sein oder der Zug mitten in der Pampa stehen bleiben.

Bahngleise und Straße
© Pixabay

Wahrscheinlich haben wir uns viel zu viele Sorgen gemacht, doch damals hätten uns keine zehn Pferde in einen Fernzug bekommen.

Geändert hat sich unsere Einstellung diesen Sommer. Wir waren zur Hochzeit von sehr guten Freunden eingeladen. Einige hundert Kilometer entfernt. Lange überlegten mein Mann und ich hin und her, ob wir zu dritt oder nur zu zweit anreisen sollten. Wir waren auch schon drauf und dran, meine Eltern zu bitten, sich dem Kleinen in dieser Zeit anzunehmen. Doch dann war das Bedürfnis diesen besonderen Tag als Familie gemeinsam zu erleben größer als die Furcht. So entschieden wir uns, uns selbst ins kalte Wasser zu werfen und die fast 3,5-stündige Bahnfahrt zu wagen.

So saßen wir also eines Freitagnachmittags im Zug nach Bayern. Wir hatten riesen Glück und hatten ein ganzes Abteil für uns alleine. So hatten wir genug Platz, um auch den Buggy bequem unterzubringen. Wir knabberten unseren mitgebrachten Proviant, schauten in die Landschaft, winkten den vorbeigehenden Passagieren und spielten mit einem vergnügten Krümel Verstecken hinter dem Vorhang des Abteils.

Ich war ganz überrascht als Krümel es sich plötzlich auf meinem Bauch gemütlich machte und einschlief. So verschlief er die Hälfte der Fahrt und wachte erst kurz vor unserem Zielbahnhof wieder auf.

Wir waren so glücklich, die Fahrt so gut hinter uns gebracht zu haben – und auch ein bischen stolz, dass wir das endlich gewagt hatten.

Die Vermutung es hätte sich bei der entspannten Fahrt nur um einen Zufall gehandelt traf nicht zu, denn auch die Rückfahrt war total entspannt. Selbst auf der nächsten Fahrt, die wir nur zwei Wochen später antraten, lief alles wie geschmiert – obwohl wir unser Abteil alles andere als für uns alleine hatten. Das 6er-Abteil im Familienbereich war kuschelig voll. Wir teilten es uns mit einer Mama mit Kind und Baby sowie zwei Alleinreisenden. 5 Erwachsene, 3 Kinder und 6 Sitze. Klingt ungemütlicher als es war.

Die Kinder waren damit beschäftigt sich gegenseitig zu beäugen und den mitgebrachten Proviant zu dezimieren. Nach einer Stunde beschlossen Krümel und das Baby, dass es Zeit für ihren Mittagsschlaf sei. Nach ein bisschen Unruhe schliefen dann tatsächlich beide – ich hätte ja ehrlich gesagt nicht drauf gewettet.

Nach dem ausgedehnten Mittagsschlaf lief mein Mann mit Krümel noch ein paar Mal die Wagons rauf und runter und dann waren wir auch schon am Ziel.

Es war leicht. So leicht. Und echt entspannt. Ich wünschte, wir hätten das schon viel früher gewagt.

Falls es Euch ähnlich geht wie uns bisher, sind hier unsere Tipps für eine entspannte Bahnfahrt:

Gute Vorbereitung

Es soll ja vereinzelt schonmal vorgekommen sein (hüstel), dass eine Bahn Verspätung hat. Deshalb: Schon vor dem Antritt der Reise recherchieren, welche alternativen Verbindungen es gibt, sollte eine Bahn ausfallen oder sich stark verspäten. Das erspart aufgeregtes Herumhetzen mit Kind und Kegel am Bahnsteig und schont die Nerven erheblich.

Abwechslungsreicher Proviant

Bei uns gilt inzwischen die Devise: Lieber weniger, aber dafür abwechslungsreich. Was hilft es, wenn 10 Kilo Apfelschnitze im Gepäck versauern, der Nachwuchs aber nach „Bananeeee!“ verlangt?

Wenn möglich eine Direktverbindung

Vor der ersten Fahrt dachten wir, es wäre vielleicht eine gute Idee keine Direktverbindung zu nehmen und stattdessen lieber ein oder zwei Mal umzusteigen, um sich zwischendurch die Füße zu vertreten. Davon sind wir aber abgekommen. Erstens geht es mit der Direktverbindung normalerweise schneller, zweitens sinkt so die Wahrscheinlichkeit, dass eine Verbindung ausfällt und drittens kann man sich im Zug auch so gut die Beine vertreten und z. B. zur Auflockerung mal das Bord-Bistro besuchen. Außerdem ist das Aus- und Umsteigen immer mit Zusammenräumen und Gepäckschleppen verbunden. Auch wenn der Nachwuchs gerade eingeschlafen ist, wird das Umsteigen eher spannend.

Im Familienbereich reservieren

Reserviert euch Plätze! Es kostet leider extra, aber nichts ist ätzender als sich mit Kind und Gepäck durch einen vollen Zug zu drängen und dann getrennt oder gar nicht sitzen zu können. In den meisten Zügen gibt es einen Familienbereich. Wir buchen gerne dort, denn wer von den Mitreisenden dort nicht mit der Anwesenheit von (Klein-)kindern klarkommt, hat eindeutig Pech gehabt. Im besten Fall findet man dort sogar Spielkameraden.

In ICEs gibt es darüber hinaus noch das (meist leider schnell ausgebuchte) Kleinkinder-Abteil. Auch das kann ich empfehlen.

Wer braucht schon Spielzeug?

Mitgebrachtes Spielzeug wurde bei uns bisher konsequent ignoriert. Viel spannender sind andere Passagiere oder die Lüftungsschlitze der Klimaanlage. Eventuell kann noch ein ganz neues Spielzeug das Interesse wecken – das hat bei uns jedoch auch versagt.

Für den Fall, dass gar nichts mehr gehen sollte, haben wir das Tablet mit einer Tier-App im Gepäck. Auch wenn man’s nicht braucht: Für uns Eltern ist es beruhigend es in der Hinterhand zu haben.

Geduld, Geduld, Geduld

Wann geht schon etwas komplett glatt? Es geht immer irgendetwas schief – so will es das Gesetzt. Da hilft nur akzeptieren und ganz viel Ommmmm.

 

Bald fahren wir übrigens mit den Großeltern an den Bodensee. Leider nicht mit dem Zug, sondern mit dem Auto. Das wird mit 2-3 Stunden (netto) die bisher längste Autofahrt und ich habe schon ein wenig Muffensausen. Doch ich denke, wir bekommen das hin. Und wenn es bedeutet, dass wir alle paar Kilometer eine Pause einlegen. Tschaka!

 

Vielleicht habt Ihr ja noch ein paar Tipps oder Erfahrungswerte bei langen Autofahrten für uns? Über Nacht fahren ist in unserem Fall leider nicht möglich.

Unsere Angst vor langen Fahrten – und ein Silberstreif am Horizont
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