Ich hatte vorletzte Nacht den Schreck meines Lebens: Kaum eingeschlafen, wachte ich von einem verzweifelten Schluchzen aus dem Kinderbett neben mir auf. Ich war sofort hellwach (zumindest so hellwach wie man um Mitternacht eben sein kann) und hechtete zum Bettchen.

Dort wälzte sich der Kleine röchelnd hin und her und versuchte zu atmen. Er japste nach Luft und mir wurde trotz der hochsommerlichen Temperaturen im Schlafzimmer eiskalt.

Ich nahm den Kleinen auf den Arm, wo er weiter herzzerreißend weinte und sich verkrampfte. Irgendein Teil meines Gehirns schien noch zu funktionieren und schrie: „Das ist Pseudokrupp!“

Zum Glück hatte ich vor einigen Monaten etwas über Pseudokrupp gelesen und auch von einer Kollegin davon gehört. Von Letzterer klingelte mir nur noch das Wort „lebensbedrohlich“ in den Ohren – was nicht unbedingt dabei half, meinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Doch wie meistens, wenn es Krümel richtig schlecht geht, kommt von irgendwo die Kraft her, um mich komplett auf ihn und nicht meine eigene Panik zu konzentrieren.

Den Kleinen fest an mich gedrückt und tröstend auf ihn einredend lief ich ins Wohnzimmer. Mein Mann war noch auf und recherchierte sofort geeignete Gegenmaßnahmen im Internet. Währenddessen versuchte ich weiter mein Bestes Krümel zu beruhigen.

„Kühle Luft soll helfen“, ergab die Schnell-Recherche. Na großartig! Wie gut, dass wir gerade eine Hitzewelle haben und es draußen auch um Mitternacht noch heißer ist als drinnen. Was also tun?

Eine Minute später standen wir also in der Küche und schauten gemeinsam in den Kühlschrank. Um Krümel abzulenken und zu beruhigen gingen wir den gesamten Kühlschrankinhalt durch: „Oh, schau mal, der Käse hat aber ein besonders großes Loch…Wieviele Eier sind denn noch da?…Wir müssen unbedingt Joghurt nachkaufen.“

Und es half tatsächlich. Krümel röchelte und japste zwar immer noch erbarmungswürdig, aber er ließ sich schnell auf unser Ablenkungsmanöver ein. Zumindest weinte und verkrampfte er sich nicht mehr und redete sogar – so gut es die geschwollene Atemwege eben zuließen.

Mir schwirrte derweil immernoch dieses Wörtchen „lebensbedrohlich“ im Kopf herum. Obwohl es Krümel ganz langsam besser ging, riefen wir daher trotzdem den Krankenwagen. Wir selbst haben ja kein Auto und alle motorisierten Freunde aus der näheren Umgebung sind gerade auf Hochzeitsreise oder im Urlaub. Daher blieb uns eben noch diese Option.

Krankenwagen

So versuchte ich den Zweijährigen schon einmal darauf vorzubereiten, dass gleich ein Krankenwagen kommen und uns ein paar Ärzte besuchen würden, um zu sehen wie es ihm geht. Offenbar schienen meine Erklärungsversuche etwas gebracht zu haben, denn als wenige Minuten später drei Sanitäter in weißen Kitteln in unserer Küche standen, schien Krümel nicht einmal milde überrascht.

Mein Mann hatte in der Zwischenzeit eine Tasche mit Wechselsachen gepackt, falls wir wider Erwarten länger im Krankenhaus bleiben mussten. Mit dem Krümel immer noch im Arm stiegen wir kurze Zeit später in den Rettungswagen.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus sollte Krümel Adrenalin inhalieren. Der Inhalator war ihm jedoch so gar nicht geheuer. Also inhalierten wir abwechselnd und schließlich ging es auch allein.

Im Krankenhaus angekommen ging es Krümel dann schon viel besser. Der fiese Husten war weitestgehend leichterem Röcheln und starker Heiserkeit gewichen. Das beruhigte nicht nur uns Eltern, sondern offensichtlich auch den Kleinen ungemein.

Bei der Untersuchung durch die Ärztin war Krümel dann schon fast wieder sein altes Selbst und konnte auch wieder grinsen und sich über die Schildkröte freuen, die im Behandlungsraum an die Wand gemalt war.

Kurz darauf konnten wir ein Taxi rufen und wieder nach Hause fahren. Für den Fall eines weiteren Anfalls bekamen wir Cortison-Zäpfchen mit.

Krümel hatte unser „Spontan-Ausflug“ und die ganze Aufregung sichtlich ermüdet. So schlief er zuhause mit einem letzten heißeren „Meine Mama“ schnell auf meinem Bauch ein. In diesem Moment atmete ich zum ersten Mal in dieser Nacht erleichtert auf.

Wir Eltern brauchten noch etwas länger, um unseren auf Hochtouren laufenden Kreislauf auf das Normalmaß herunterzuschrauben. Irgendwann fanden aber auch wir in den Schlaf.

In dieser Nacht hatten wir noch zwei weitere, harmlosere Anfälle. Krümel wusste sie jedoch schnell einzuordnen, röchtelte „Krümel Husten“ und schlief dann beide Male recht schnell wieder ein. Wir mussten also nicht auf das Notfall-Zäpfchen zurückgreifen und waren auch sehr froh darüber.

Jetzt, wo mein Hirn wieder Normalzustand erreicht hat, weiß ich übrigens wieder, dass Pseudokrupp nur in Ausnahmefällen lebensbedrohlich sein kann und man ihn meist durch Ablenkung und kühle Luft in den Griff bekommt. Beim nächsten Mal (sollte es denn eines geben müssen) werde ich jedenfalls mental besser vorbereitet sein. Und die Cortison-Zäpfchen haben von nun an einen festen Platz in unserer Hausapotheke sicher.

Ich muss sagen, dass ich unendlich dankbar bin, dass ich (zumindest am Rande) schon etwas von Pseudokrupp gehört hatte. Ich mag mir nicht ausmalen, wie ich reagiert hätte, wenn ich das erbarmungswürdige Ringen nach Luft nicht hätte einordnen können. Ich hatte die gesamte Nacht über den Text von der Grummelmama im Hinterkopf, die Anfang des Jahres vom Pseudokrupp-Anfall ihrer Tochter geschrieben hatte. Das half mir sehr und trug maßgeblich zu meiner (zumindest äußerlichen) Ruhe bei. Vielen Dank dafür, liebe Grummelmama. Ohne es zu wissen, hast du mir in dieser Nacht sehr geholfen.

Nach unserer Nacht im Krankenhaus wurde ich über Twitter übrigens noch auf einen Artikel von Andrea vom Blog Runzelfüßchen über den Pseudokrupp-Anfall ihres Babys aufmerksam. Mit einem Zitat aus ihrem Text möchte ich meinen Beitrag gerne beenden:

Pseudokrupp ist ein Arschloch.

Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.

Pseudokrupp oder: Unsere Nacht vor dem Kühlschrank
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2 Gedanken zu „Pseudokrupp oder: Unsere Nacht vor dem Kühlschrank

  • 6. September 2016 um 10:56
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    Liebe Mamianders!

    Es tut mir mega leid, dass du das Arschloch auch kennenlernen musstest…. Besser kann man es wirklich nicht bezeichnen. Ich freue mich aber, dass ich dich etwas durch die ätzenden Momente begleitet habe mit meinem Text und unserer Erfahrung vom Januar. Bisher haben wir keinen weiteren Anfall gehabt (TOI TOI TOI!) und ich hoffe, euch bleiben auch weitere erspart!!

    Es ist auf jeden Fall sehr erschreckend und unheimlich, so hilflos zu sein und sowas miterleben zu müssen…

    Alles Liebe und BLEIB WEG, PSEUDO-KRUPP!

    Katja <3

    Antworten
    • 17. September 2016 um 14:44
      Permalink

      Liebe Katja,

      dann drücke ich uns allen die Daumen, dass wir auf ewig von diesem Pseudo-Fiesling verschont bleiben.

      Liebe Grüße und danke nochmal für deinen Erfahrungsbericht!

      Antworten

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