Die Mama on the rocks und Scoyo haben zur Blogparade zum Thema digitaler Familienalltag aufgerufen.

Was mich angeht: Einen Alltag ohne digitale Medien kann ich mir kaum noch vorstellen. Immerhin sind PC und Smartphone mittlerweile feste Bestandteile meines Tagesablaufs geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil sie einen guten Teil meiner Augenerkrankung kompensieren.

Die digitalen Medien sind für mich das Tor zur Welt. Über Nachrichten informiere ich mich fast ausschließlich online – mit Bildschirmvergrößerungssoftware oder auch mal mit dem Screen Reader. Literatur konsumiere ich als Hörbuch, statt als gebundenes Buch bzw. e-Book. Beim Reisen, im öffentlichen Nahverkehr und bei Recherchen sind Handy und PC für mich wichtige Begleiter.

Was aber wäre, wenn es dieses „Online“ nicht gäbe? Also eine Welt ohne Handy, ohne Bildschirmvergrößerung, ja sogar ohne PCs.

Ein kleines Gedankenexperiment

Wie sähe mein Alltag heute aus ohne die digitalen Hilfsmittel, an die ich mich doch so gewöhnt habe und die mittlerweile so selbstverständlich für mich sind? Hätte mein Leben ganz andere Wendungen genommen?

Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geht ist, dass ich ohne den digitalen „Schnickschnack“ oft ziemlich alt aussähe. Wahrscheinlich wäre ich nicht dort, wo ich heute bin: Ich hätte vermutlich keinen Hochschulabschluss in der Tasche, wäre nicht in die Stadt gezogen, in der ich heute lebe, und – was mich am meisten beunruhigt – ich hätte wahrscheinlich nie meinen Mann kennen gelernt und auch nicht meinen Sohn bekommen.

Das Abi habe ich auf einer sog. „Regelschule“ weitestgehend ohne technische Hilfsmittel hinter mich gebracht. Das war aufgrund meiner Augenerkrankung zwar oft alles andere als leicht, aber noch irgendwie machbar. Im Studium allerdings wäre ich wohl ohne ein paar wichtige Gadgets mit Pauken und Trompeten untergegangen. Ohne PC/Laptop, auf dem ich die Vorlesungsunterlagen mitlesen konnte? Ohne Bildschirmvergrößerungssoftware, um den Rechner überhaupt bedienen zu können? Und ohne digitale Foliensätze und eBooks, die mir die normalen Lehrbücher ersetzen?

Ich kann mir kein Szenario denken, in dem ich den Abschluss ohne diese Hilfsmittel geschafft hätte. Denn manchmal ist harte Arbeit einfach nicht genug.

Andere Wege

Was hätte ich also ohne das Studium gemacht? Hätte ich stattdessen eine Ausbildung gemacht oder wäre das aus denselben Gründen gescheitert? Hätte ich jetzt überhaupt einen Job? Die gesamte Branche, in der ich heute arbeite, gäbe es schließlich gar nicht. Welche Optionen bleiben einem überhaupt, wenn die Augen nicht mitmachen und man dadurch weder dem Unterricht recht folgen noch Bücher lesen kann? Wäre ich jemals von zuhause weggezogen und hätte es gewagt, mein Leben in einer fremden Stadt aufzubauen?

Mir fehlt die Vorstellungskraft, um mir das genauer auszumalen. Vielleicht will ich es mir auch gar nicht ausmalen. Ich bin einfach froh, dass ich die Möglichkeiten hatte, die mich an den Punkt gebracht haben, an dem ich heute stehe.

Wahrscheinlich hätte ich jetzt auch ohne digitale Hilfsmittel ein schönes Leben. Womöglich hätte ich andere Mittel und Wege gefunden meine Ziele zu erreichen. Vielleicht hätte ich sogar meinen Mann trotzdem kennengelernt. Trotzdem bin ich froh, dass es den ganzen technischen Firlefanz gibt, denn er macht mir das Leben so viel leichter.

Persönliche Freiheit

Das „Digitale Zeitalter“ bedeutet für mich so viel mehr als nur willkommene Zerstreuung oder nette Annehmlichkeiten. Es bedeutet für mich Freiheit und Selbstbestimmung. Wäre ich zehn Jahre früher zur Welt gekommen, hätte ich an vielen Facetten des Lebens nicht oder nur bedingt teilhaben können. Ich danke deshalb meinen Eltern, dass sie es mit mir nicht allzu eilig hatten.

Erziehungsauftrag und so

Tja, ich stelle fest, die neuen Medien haben mich ziemlich am Wickel. Und dabei zähle ich mich eher zu den Menschen, die neuen Techniken und Plattformen eher uninteressiert oder sogar skeptisch gegenüber stehen. Bei Facebook bin ich erst vor knapp einem Jahr eingestiegen – nach jahrelangem „Bleibt mir doch weg mit dem Quatsch!“ und bin heute immer noch nicht begeistert davon. Auch mit dem Umstieg vom normalen Handy aufs Smartphone habe ich mir sehr lange Zeit gelassen.

Nun wächst mein Sohn als sog. „Digital Native“ in einer digitalen Welt auf. Wie ein Fisch im Wasser quasi. Und es ist an mir und meinem Mann ihm den achtsamen Umgang mit diesem Wasser zu lehren. Wir, die wir doch in unserem Job 95 % der Zeit am Rechner hängen, in unserer Freizeit ebenfalls viel mit dem PC machen und nirgends ohne das Smartphone hingehen. Na, das kann ja heiter werden!

Krümel ist mit seinen 14 Monaten noch zu klein, um aktiv Spielzeit mit Handy & Co einzufordern. Das wird aber sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen. Noch gibt es bei uns also keine festen Abmachungen, was den Medienkonsum betrifft. Ein paar Regeln gibt es bei uns im Moment dennoch. Diese haben wir nicht explizit aufgestellt. Mein Mann und ich leben sie einfach, weil sie uns richtig vorkommen:

  • Kein Fernsehen, wenn der Kleine wach ist. Wobei wir auch dann so gut wie nie vor dem TV sitzen, wenn er schläft. Fernsehen spielt bei uns einfach keine Rolle mehr seit wir zu Dritt sind. Läuft ja auch nix.
  • Während wir mit dem Kleinen spielen, hängen wir nicht am Handy. Nur wenn wir angerufen werden.
  • Während dem Essen werden auch keine Anrufe entgegen genommen.
  • Die Zeit am Rechner verschieben wir (wenn möglich) auf die Abende.

Wichtig ist uns, dass wir uns trotz Kleinkind im Haus „normal“ verhalten. Auf unser Verhalten achten? Ja. Uns verbiegen? Nein. Smartphone und Co sind Teil unseres Alltags und daran finde ich grundsätzlich nichts Schlechtes.

Das Medienvorbild, der Robo-Saurus und ich

Ich habe nicht die Illusion, dass es genügen wird, den gesunden Umgang mit den digitalen Medien vorzuleben. Vorbildfunktion schön und gut, aber früher oder später (wahrscheinlich eher früher) wird der Kleine seine Spielzeit auf Smartphone oder Tablet einfordern. Er befindet sich ja nicht in einer isolierten Blase. Bei Freunden, Bekannten und Familie, später aber auch in der Schule und vielleicht auch schon im Kindergarten kommt er mit anderen Menschen in Berührung, von denen jeder seine eigene Vorstellung vom Umgang mit Medien hat. Wir können nur die Grundlagen legen und ihm vorleben, dass es auch andere tolle Dinge gibt, mit denen man seine Zeit verbringen kann.

Wer weiß gegen welche Medien wir Eltern in Zukunft antreten müssen? Vielleicht werden es Hologramm-Brillen und lebensgroße Robo-Saurier sein: „Spätzchen, nimm die Holo-Brille ab und komm essen!“

Ich möchte nicht zu den Eltern gehören, die alles Neue, das sie nicht verstehen als „schädlich“ abstempeln. Ich möchte aber auch nicht zu allem „ja“ sagen. Irgendwo dazwischen fühle ich mich wohl. Das gibt reichlich Spielraum und da werde ich selbst erst einmal meinen Weg finden müssen.

Ehrlich gesagt bin ich aber recht gelassen, was meine Kompetenz als Medienvorbild angeht. Ich werde das digitale Kind schon schaukeln.

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Mehr Geschichten rund um den digitalen Alltag findet ihr hier und in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #mydigitalday.

#mydigitalday – Mein (un)digitaler Alltag
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3 Gedanken zu „#mydigitalday – Mein (un)digitaler Alltag

  • 9. November 2015 um 23:00
    Permalink

    Ganz spannend, was Du da beschreibst, liebe Anja. Du bist der Beweis dafür, dass digitale Medien keinesfalls zu verteufelb sind – sondern vielmehr auch ein Segen sein können. Danke für die Teilnahme an der Blogparade <3
    LG
    Séverine

    Antworten
    • 10. November 2015 um 17:27
      Permalink

      Ja, das ist wohl wie bei den meisten Dingen: Es kommt auf die Mischung an.
      Und dir danke für die Initiative für eine tolle Blogparade!

      Liebe Grüße
      Anja

      Antworten
  • Pingback: Analyse der Blogparade #mydigitalday – Mama on the rocks

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