Wir wissen seit einem Monat von unserem Pünktchen. Vor fast drei Wochen haben wir ihm im Ultraschall zum ersten Mal zuwinken können. Pünktchen war bis dahin „nur“ ein zweiter Streifen auf dem Schwangerschaftstest und ein kleiner Fleck auf einem Monitor und doch so viel mehr. So viel Leben und Glück. Unser Baby. Krümels ersehntes Geschwisterchen.

 

Am Freitagmorgen führte mich mein Weg zur Praxis meines Frauenarztes. Vor unserem Start in den Urlaub am Wochenende wollte ich noch einmal einen kurzen Blick auf unser kleines Pünktchen werfen. Nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war. Mir ging es gut und ich hatte auch keine besonderen Schwangerschaftsbeschwerden. Bis auf einen lästigen Sommervirus, der bei mir seit Wochen nicht so recht durchbrechen will, war alles bestens. Was sollte also nicht in Ordnung sein?

Ich nahm auf dem Untersuchungsstuhl Platz und sah erwartungsvoll meinen Frauenarzt an, der mit geübten Handgriffen das Ultraschallgerät bediente. Ich überlegte derweil wie viel Pünktchen in den letzten Wochen wohl gewachsen sein mochte und erinnerte mich daran wie es war, als ich mit Krümel schwanger war und zum ersten Mal sein kleines Herzchen hatte schlagen hören. Wie wundervoll das war und wie sehr ich mich darauf freute, Pünktchen das erste Mal zu hören.

Da viel mir auf, dass mein Frauenarzt immer noch schweigend die Anzeigen auf dem Monitor studierte. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, das ich gleich wieder beiseite schob. „Es ist alles in Ordnung“, schalt ich mich. „Denk nicht immer so negativ.“ Ich versuchte mich an einem erwartungsvollen Lächeln, was mir nur halbwegs gelang.

Doch mein Frauenarzt schüttelte schließlich den Kopf und wandte sich zu mir um. „Es tut mir Leid. Das Herz schlägt nicht.“

Ich starrte ihn an.

Die Bedeutung dieser Worte drang nur allmählich zu mir durch. Dann war da nur noch das Gefühl, dass die Welt stehen bleibt – und schließlich wie in Zeitlupe über mir zusammenbricht.

Eigentlich sollte der Freitag ein ganz besonderer Tag für unsere Familie werden. Ein ganz besonders schöner Tag. Doch es kam ganz anders.

Statt mit einem druckfrischen Ultraschallbild nach Hause zu gehen und für den Urlaub zu packen, saß ich in Tränen aufgelöst in der Praxis und versuchte zu begreifen, was da gerade passierte.

Die junge Arzthelferin versuchte mich zu trösten und machte dadurch alles nur noch schlimmer. „Seien Sie froh, dass Sie wenigstens ein Kind haben, manche haben gar keines.“ Stimmt. Und trotzdem hätte ich ihr für diesen Satz am liebsten den Arm ausgerissen – so schmerzhaft unangebracht waren ihre Worte.

 

Nun sitze ich hier und finde keine Worte. Keine Worte für den schlimmsten Tag meines Lebens. Keine Worte für den Kummer, der mir die Kehle zuschnürt.

Es gibt Stunden, in denen fühlt es sich an als lebe ich das Leben einer Anderen. Als hätte ich diesen Freitagvormittag nur geträumt oder nur einen schlechten Film gesehen. Dann wiederum gibt es die Momente – meist abends, wenn Krümel im Bett liegt und es ruhig wird – da trifft mich die Realität unvermittelt wie ein Faustschlag ins Gesicht und lässt mich taumeln. Dann weiß ich wieder, dass es gerade mir passiert und nicht einer Fremden.

 

Morgen ist die Nachuntersuchung. Dort werden wir bestätigt bekommen, dass unser Pünktchen nicht mehr lebt. Dass sein Herzchen nicht schlägt und dass es viel zu klein für sein Alter ist. Dort werden wir endgültig die nächsten Maßnahmen einleiten müssen.

Ich gebe zu, dass ein kleiner Teil von mir immer noch Hoffnung hat. Vielleicht war ja nur das Ultraschallgerät defekt? Oder Pünktchen schafft es irgendwie und begrüßt uns morgen mit seinem munteren Herzschlag als wäre nichts gewesen? Ich weiß, dass es nicht so kommen wird, aber mein Herz hofft trotzdem weiter und lässt sich auch nicht beirren.

Währenddessen habe ich eine riesige Angst. Riesige Angst vor der OP, die auf mich zukommen wird. Ich kann den Namen dieser OP nicht aussprechen, ja nicht einmal aufschreiben, so lebensverachtend und grausam klingt er für mich.

Und immer dieser Gedanke: Wie nimmt man von seinem ungeborenen Kind für immer Abschied?

Wie soll ich mich von einem Kind verabschieden, das ich mir schon so real vorgestellt habe? Mit dem ich getanzt und für das ich in Gedanken das Kinderzimmer eingerichtet habe. Mit dem ich in meiner Vorstellung bereits gekuschelt, gestritten, gelacht und das erste Weihnachtsfest zu Viert gefeiert habe?

Wie zur Hölle soll das gehen?

 

Nun habe ich seit Freitagabend Blutungen. Vielleicht nimmt Pünktchen gerade selbst die Initiative in die Hand, um endgültig von uns zu gehen.

Da mir Blutungen jedoch aus meiner ersten Schwangerschaft nicht gänzlich unbekannt sind, bin ich mir deren Bedeutung nicht so sicher. Es wäre allerdings eine große Erleichterung für mich, wenn Pünktchen den Zeitpunkt unseres Abschieds tatsächlich selbst aussucht und wir das ganz unter uns ausmachen könnten. Ohne OP. Ohne Eingriff von Außen. Nur wir zwei. Ein letztes Mal.

 

So schwanke ich zwischen tiefer Trauer, Wut, Hoffnung, Verzweiflung und Fassungslosigkeit, während ich in den meisten Momenten jedoch nur diese stumme, gähnende Leere in mir spüre, mit der ich nichts anzufangen weiß.

Es ist mein großes Glück, dass meine Familie und meine Freunde da sind um mich aufzufangen. Ohne sie wäre ich verloren.

 

***

 

Ich habe diesen Text geschrieben, weil mir das Schreiben hilft mit all diesen schrecklichen Gefühlen und Gedanken fertig zu werden, mit denen ich mich gerade konfrontiert sehe und die ich nie haben wollte. Dieser Text ist ein kleiner Schritt auf dem Weg, der noch vor mir liegt.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich den Text am Ende auch veröffentliche. Schließlich gibt es kaum etwas Persönlicheres als das und ich bin eigentlich nicht der Mensch, der gerne über solch tiefe Emotionen spricht, geschweige denn öffentlich darüber schreibt.

Doch ich glaube, auch das ist Teil meines Verarbeitungsprozesses.

Dieser Text hilft mir dabei, meinen Kummer in die Welt hinaus zu schreien. Und gleichzeitig ist es eine Erleichterung – warum kann ich selbst nicht genau benennen. Vielleicht möchte ich anderen, die sich auch mit einer Fehlgeburt auseinandersetzen müssen, sagen, dass sie damit nicht alleine sind. Denn alleine ist vielleicht das Einzige, das man in dieser Situation nicht sein sollte.

Keine Worte
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7 Gedanken zu „Keine Worte

  • 6. September 2016 um 11:05
    Permalink

    Ein leises: viel Kraft und Mut und Hoffnung.

    Eine stummeUmarmung
    Bella

    Antworten
    • 17. September 2016 um 16:49
      Permalink

      Vielen Dank für die lieben Worte, Bella <3

      Antworten
      • 8. November 2017 um 17:38
        Permalink

        Hey,

        ich hatte auch gerade eine Fehlgeburt und wollte gern etwas zu Deinen Worten bzgl. der OP, die Du eigentlich nicht willst, schreiben.

        Auch meine Frauenärztin gab mir, nachdem sie mir die „schlechte Nachricht“ mitgeteilt hatte sofort eine Noteinweisung für ein Krankenhaus mit. Die knappe, sachliche Anweisung in etwa:“damit gehen Sie in ein Krankenhaus, dann wird die Ausschabung gemacht, danach drei Monate warten, kein Verkehr und nicht baden“. Empathisch war das nicht. Und das habe ich schon so oft gelesen und gehört… diese unfassbare Kälte und Empathieunfähigkeit von diversen Ärtzen und Ärztinnen.

        Ich fühlte mich wie in einer Maschinerie. Sie machen jetzt dies, dann passiert das. Völlig selbstverständlich, ohne mich zu fragen, ohne Alternativen aufzuzeigen.

        Ich ging gleich am nächsten Morgen in das nächstgelene Krankenhaus. Auch mit dem Gefühl, diese OP nicht zu wollen. Mit Angst davor. Mit dem Gefühl, so schnell wie möglich alles hinter mich bringen zu müssen.

        Im Krankenhaus hatte ich Glück. Eine sehr nette, junge Frauenärztin nahm sich Zeit für mich und klärte mich umfassend auf: Sie müssen keine OP durchführen lassen. Sie können auch abwarten, der Körper kann das von selbst regeln. Das kann Wochen dauern. Und wenn es sich nicht von selbst regelt, kann auch medikamentös die Fehlgeburt unterstützt werden. Und wenn das nicht klappt, kann man immernoch operieren. Aber es ist nicht die erste und einzige Option. Sie gab mir Vertrauen in mich und meinen Körper. Ich fühlte mich erleichtert. So erleichtert. Und voller (Selbst-)vertrauen in mich und meinen Körper und das Ungeborene in mir.

        Ich wartete also. Fuhr in den Urlaub. Nahm mir Zeit für mich, meine Kinder, meinen Freund, meinen Körper, gab dem „In mir“ Zeit. Sich selbst, zur richtigen Zeit, zu verabschieden. Aus mir.

        Nach zwei Wochen wollte ich, nachdem die Blutungen leicht eingesetzt haben, nicht mehr länger warten, sondern unterstützen. Ich nahm Tabletten, es dauerte nur einige Stunden und einige Schmerzen. Ich hatte selbst bestimmt. Ich habe mich gespürt, alles war bewusst. Das hat am meisten geholfen.

        Wir müssen diese OP nicht machen. Es gibt Alternativen. Jede Frau sollte das für sich entscheiden können. Dafür muss man aber alle Möglichkeiten kennen! Fragt nach! Lasst Euch nicht irgendetwas überstülpen, das sich nicht gut für Euch anfühlt.

        Alles Liebe für Alle

        Antworten
  • 17. September 2016 um 17:53
    Permalink

    Es tut mir sehr sehr leid, danke, dass Du Deine Gefühle so früh mit uns teilst.
    Ich weiß, wie Du Dich fühlst.
    Alles Liebe!

    Antworten
    • 17. September 2016 um 19:03
      Permalink

      Vielen Dank für deine Worte <3

      Das Aufschreiben ist für mich Teil der Aufarbeitung. Würde ich es auf später verschieben, könnte ich glaube ich auch nicht mehr darüber schreiben. Klingt wahrscheinlich selbsam, aber besser kann ich es nicht ausdrücken.

      Manchmal glaubt man ja, man wäre mit seinen Gefühlen ganz allein. Vielleicht finden durch meinen Text Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, ein kleinwenig Trost in dem Gedanken, dass sie eben nicht alleine sind.

      Antworten

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