Die Diagnose „Missed abortion“ (also „Verhaltene Fehlgeburt“) liegt nun etwas mehr als zwei Wochen hinter mir. Ein nüchterner Ausdruck dafür, dass das heranwachsende Kind in meinem Bauch tot war und ich bis zum Tag der Routineuntersuchung bei meinem Gynäkologen nichts davon wusste.

Die vergangenen Tage waren körperlich anstrengend, innerlich zermürbend und aufwühlend. Anfangs fühlte ich mich wie in einem schlimmen Alptraum gefangen, eingesperrt auf dem Boden eines tiefen Brunnenschachts. Die Realität und der Alltag waren nur durch eine kleine Öffnung weit oben zu erahnen. Mittlerweile erholt sich mein Körper langsam aber stetig, meine Seele hinkt jedoch noch einige Schritte hinterher.

Ja, es geht mir besser als noch vor einer Woche und viel besser als vor zweien. Ja, es kullern nicht mehr bei jedem Gedanken an mein Sternenkind die Tränen. Und ja, ich glaube fest daran, dass ich einen Weg aus diesem Loch, in dem ich immernoch festsitze, finden werde. Ich habe nur noch keine wirkliche Strategie, keinen Plan wie dieser Weg aussehen kann.

Momentan helfen mir ein paar Gedanken. Sie sind meine kleinen Anker und fast schon so etwas wie ein kleines Mantra. An ihnen hangle ich mich gerade so gut ich kann entlang.

Du hast das Recht zu trauern

Dieser Gedanke war und ist der wichtigste für mich – ganz besonders in den ersten Tagen. Er ist meine innere Antwort auf folgende und ähnliche Äußerungen:

„Es hätte ja auch schlimmer kommen können.“

„Wenigstens geht es dir körperlich gut.“

„Sie haben doch schon ein Kind, manche haben gar keines.“

Diese und ähnliche Reaktionen bekam ich zu hören – manche davon nur wenige Minuten nach der niederschmetternden Diagnose, zu einer Zeit, in der ich nicht einmal wusste, was da gerade mit mir geschieht. Teils von Wildfremden, teils von Menschen, die mir sehr nahe stehen.

So gut die obigen Aussagenvielleicht auch gemeint sein mögen, geholfen haben sie allesamt nicht. Alle Sätze hatten eines gemeinsam: Sie stellten in meinen Ohren mein Recht auf Trauer in Frage: Ich solle mich nicht so haben, anderen Frauen geht es noch schlechter. Andere haben noch mehr Grund zu trauern. Aber kann man Trauer messen? Gibt es eine Skala, an der man ablesen kann, wie sehr und wie lange ein Mensch um jemanden trauern darf? Darf eine Mutter mit einer Fehlgeburt nur halb so viel trauern wie eine Mutter mit zweien?

Doch Trauer kennt keine Skala. Ich halte vergleichende und abwertende Aussagen im Bezug auf Trauer für unangebracht, im Extremfall sogar für fatal. Nicht jede Seele kann das Gehörte einfach wegstecken, besonders dann nicht, wenn es von einem geliebten Menschen kommt. Manche Menschen denken dann wirklich, sie hätten kein Recht (mehr) zu trauern.

Jeder Mensch hat das Recht zu trauern und zwar in der Art und Weise und in dem Umfang wir er oder sie es für notwendig hält. Ich bin davon überzeugt, dass der Versuch die eigene Trauer zu unterdrücken letztendlich nur nach hinten losgehen kann. Niemand sollte einem anderen Menschen vorschreiben (sei es nun direkt oder durch die Blume) wie und wie lange er trauern darf.

Trauer ist ein Grundrecht und die Voraussetzung dafür, dass der Mensch heilen kann.

Umgib dich mit den Menschen, die dir gut tun

Nach der Nachricht, dass das Kind in meinem Bauch nicht mehr lebt, spürte ich, dass ich mit jemandem darüber reden musste, um nicht wahnsinnig zu werden. Sehr schnell war mir klar, wen ich kontaktieren möchte und wen nicht. Gerade am Anfang war es für mich überlebenswichtig mich verstanden zu fühlen.

Es gibt Menschen mit der Gabe Trost spenden zu können und es gibt Menschen ohne. Dabei hatte der Trost, den ich suchte, nichts mit großen Worten zu tun. Mit gutgemeinten Ratschlägen schon gleich gar nichts. Nach was ich mich verzehrte waren Verständnis und Mitgefühl. In den Arm nehmen, zuhören und mittrauern war Medizin für meine Seele.

Wie ich festgestellt habe, hat die Fähigkeit solchen Trost spenden zu können im Übrigen nichts mit Alter oder Geschlecht des Tröstenden zu tun. Das nur mal so am Rande.

Du darfst lügen

„Na, wie geht’s?“

Die harmlosesten und beiläufigsten Fragen im Alltag können plötzlich zum Hindernislauf werden und die Gefühlswelt ordentlich aufwühlen.

Antwortet man „Gut“ oder „Könnte besser sein“ oder „Ich hatte ne Fehlgeburt, und selbst?“

Ich bin ein Mensch, der sogar mit Notlügen seine Probleme hat. In der aktullen Situation habe ich mir jedoch eine Art „Freischein“ ausgestellt ohne den ich nicht könnte. Ich will kein schlechtes Gewissen haben, weil ich nicht jedem Kollegen/Familienmitglied/Bekannten die Ereignisse der letzten beiden Wochen auf die Nase binden möchte. Erstens wollen es die meisten eh nicht hören und zweitens möchte ich selbst die Kontrolle darüber behalten, welche Menschen in meinem Umfeld davon wissen.

Das klingt für manchen vielleicht seltsam, doch für mich hat dieser „Freischein“ vieles erleichtert.

Tu das, was dir hilft

Schreien, toben, weinen, Musik hören, Dinge zerdeppern, laut singen, rennen, unter der Bettdecke zusammenrollen, in den nächsten Flieger steigen oder alles zusammen – erlaubt ist, was hilft.

In meinem Fall war es erst Weinen, dann Schweigen, dann Reden, dann Schreiben. Schließlich habe ich mit meiner kleinen Familie überstürzt die Koffer gepackt und bin mit ihnen für ein paar Tage weggefahren. Ich brauchte dringend Abstand. Abstand von der Couch, auf der ich so viele Tränen vergossen habe, Abstand von dem Bett, in dem ich so viele Stunden wach gelegen habe, und ganz besonders von den alles beherrschenden Gedanken. Und diese Entscheidung war goldrichtig für mich. Diese Auszeit hat zwar körperlich an den Kräften gezehrt, da ich mit Blutungen und gelegentlichen Krämpfen zu kämpfen hatte, doch für Geist und Seele war es die reinste Wohltat.

Geh dorthin, wo du dich wohl fühlst

Heißt im Umkehrschluss: Meide Orte, die dir schaden. Kleine Kinder, Babys und vor allem Schwangere versetzen mir einen Stich ins Herz. Cafés, Spielspätze und leider auch das Wartezimmer beim Frauenarzt waren daher in den ersten Tagen ein Grauen für mich. Mittlerweile kann ich damit schon  wieder etwas besser umgehen.

Trotzdem achte ich noch darauf, wann ich wo hingehe. Schritt für Schritt wage ich mich wieder in die Normalität vor.

Wähle deinen Weg

Da steht man plötzlich vor der Entscheidung „Ausschabung oder Abwarten und hoffen, dass es die Natur übernimmt“. Der Gedanke abzuwarten und mein totes Kind auf unabsehbare Zeit noch in meinem Bauch zu haben war mir unerträglich. Daher wählte ich die Operation als meinen Weg. Am liebsten hätte ich sie sofort durchgeführt, so groß war das Bedürfnis, diese ganze Geschichte so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Dann kam es aber anders: Blutungen setzten noch vor dem OP-Termin ein und die Natur regelt seither wie es scheint den Rest.

Im Nachhinein bin ich unendlich dankbar dafür, dass es so gekommen ist. Ich hatte eine höllische Panik vor der OP und hoffte insgeheim inständig, es möge doch alles schnell von alleine vorüber gehen.

Für meinen persönlichen Heilungsprozess war allein die Tatsache eine Wahl zu haben so ungemein wichtig. Meine Fehlgeburt empfand ich als maximalen Kontrollverlust. Vom ersten Moment an hatte ich doch alles getan, um dem kleinen Würmchen den bestmöglichen Start zu ermöglichen. Mir eingestehen zu müssen, dass dies nicht gereicht hatte, war hart. Daher war es so wichtig für mich, selbst entscheiden zu können, wie ich dieses Kapitel abschließe. Es gab ein bisschen Kontrolle zurück und damit wertvolle Selbstbestimmung.

Wie es das Wort SELBSTbestimmung schon sagt, wollte ich diese Entscheidung auch wirklich SELBST treffen und habe daher auch von niemandem einen Rat eingeholt.

Neid ist hässlich, aber natürlich

Die Verkündung einer Schwangerschaft im Freundes- oder Bekanntenkreis ist etwas Tolles und ein Grund zur Freude. Wenn man gerade eine Fehlgeburt hatte, ist es jedoch eine bittere Erinnerung daran was man verloren hat. Bei mir mischt sich dann Neid mit einem tiefen Gefühl der Traurigkeit. Ich mag ehrlich gesagt gerade weder etwas von Schwangerschaften sehen, noch hören, noch lesen, denn all das schmerzt.

Andererseits möchte ich mich so gerne mitfreuen – was ich normalerweise ja auch getan hätte. Ich versuche mir jedoch einzugestehen, dass ich dazu gerade einfach nicht in der Lage bin und noch Zeit brauche. Diese Zeit möchte ich mir auch nehmen. Aber ich werde das Gratulieren ganz bestimmt nachholen. Dann, wenn ich mich wieder von Herzen mitfreuen kann.

 

So suche ich gerade meinen Weg durch die Traurigkeit. Dabei halte ich den Gedanken an mein Sternenkind ganz fest. Denn ich möchte mit der Trauerarbeit die Fehlgeburt überwinden, nicht aber die Erinnerung an mein ungeborenes Kind. Mein Sternenkind wird für immer einen festen Platz in meinem Herzen haben, soviel ist sicher.

 

Kleines Update: Auch Carola hatte eine Fehlgeburt und hat auf ihrem Blog „Frische Brise“ leise und berührende Worte über die Zeit danach gefunden.

 

Gedanken übers Trauern
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10 Gedanken zu „Gedanken übers Trauern

  • 21. September 2016 um 16:53
    Permalink

    Es tut mir sehr leid für Dich und Euch.

    Alles Gute und viel Sonnenschein für die nächste Zeit!

    Antworten
    • 23. September 2016 um 13:40
      Permalink

      Danke für den Sonnenschein <3
      Und viel Kraft, Liebe und Zuversicht auch dir und deiner Familie.

      Antworten
  • 6. Oktober 2016 um 8:30
    Permalink

    Es tut mir sehr Leid für deinen Verlust. Der Artikel hilft sicher anderen Sternchenmamis und ist für mich ein Paradebeispiel des Trauerns, Loslassen und Akzeptieren.
    Ich sende dir meine Gedanken und Kraft.

    Antworten
    • 6. Oktober 2016 um 14:07
      Permalink

      Danke für deine einfühlsamen Worte, liebe Sarai <3

      Antworten
  • 7. Oktober 2016 um 18:25
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    <3 Ich wünsche Dir viel Kraft für die nächste Zeit. Das möchte niemand erleben. Danke, dass Du uns an Deinen Gedanken teilhaben lässt.
    LG Wiebke

    Antworten
  • 15. Oktober 2016 um 9:45
    Permalink

    Es tut mir sehr leid.
    Ich empfinde deine Gedanken über das Trauern als sehr wertvoll und kann mir gut vorstellen, dass es anderen in ihrer Trauer helfen kann.
    Viel Kraft dir und deiner Familie!

    Antworten
    • 15. Oktober 2016 um 14:13
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      Ich danke dir <3
      Jede/r trauert anders, aber es kann gut tun, wenn man weiß, dass es anderen ähnlich geht.

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  • Pingback: Eure Herzensposts des Monats September (#Herzpost) – verflixteralltag.de

  • 4. November 2016 um 14:48
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    Danke für deine Worte. Ich weiss so gut, wie du dich fühlst. Ich verlor mein Baby vor einem Monat in der 10. Woche während unseres Urlaubs. Als ich im Krankenhaus anrief und erzählte, dass ich mein Kind verloren habe, hat mich die Ärztin sehr unsanft darauf hingewiesen, dass man dies erst nach einem Ultraschall wissen kann. Ich war völlig vor den Kopf gestossen und konnte gar nichts sagen. Nach dem Untersuch sagte sie zu mir, dass ich ja bereits drei gesunde Kinder habe. Ja danke, aber ist es deswegen weniger schlimm?
    Ich habe bis jetzt nur zwei Freundinnen davon erzählt. Sicher auch, weil ich nicht noch mehr solchen „Pseudo-Trost“ bekommen will, der dann alles wieder schlimmer macht.
    Ich wünsche dir, dass du bald einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hast.
    Alles Liebe!

    Antworten
    • 6. November 2016 um 14:14
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      Ein verlorenes Kind ist ein verlorenes Kind – egal ob es das erste, dritte oder zehnte ist. Du hast jedes Recht der Welt zu trauern und zwar auf deine ganz eigene Weise. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden. Außenstehende meinen solche Kommentare oft gut und wissen nicht, wie verletztend ihr „Trost“ ist und wieviel Schaden sie damit anrichten können.
      Ich für meinen Teil ziehe tatsächlich sehr viel Kraft aus meinem Sohn. Deshalb trauere ich um sein Geschwisterchen aber nicht weniger.

      Danke für deine Worte und ich wünsche dir von Herzen, dass bald bessere Zeiten kommen.

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