An manchen Tagen frage ich mich, warum ich morgens überhaupt aufstehe. Heute war so ein Tag.

Er begann um 3:35 Uhr mit einem hellwachen Krümel, der daraufhin 2,5 Stunden lang auf mir herumturnte, irgendwann doch noch einschlief und mir jedes Mal, wenn ich wieder fast weggedöst war, eine unbeabsichtigte Kopfnuss verpasste. Aus dem Haus kamen wir spät und entsprechend gerädert. Mit Gerenne schaffte ich es noch zu meinem Meeting um 10:15 Uhr – leider mit nüchternem Magen, denn zum Frühstücken hatte es mir zeitlich nicht mehr gereicht.

Mein Arbeitstag war durchweg (hier bitte beliebiges derbes Schimpfwort einsetzen). Die Hälfte davon habe ich damit verbracht etwas zu reparieren, das im Nachhinein auf einen Programmfehler zurückzuführen war. Obendrein musste ich dabei eine Software verwenden, mit der meine Vergrößerungssoftware nicht zurecht kommt. Daher musste ich diese deaktivieren und ohne Vergrößerung arbeiten. Dies führte schnell zu tränenden Augen und Kopfschmerzen aus der Hölle.

Das Mittagessen war ein kleiner Lichtblick und ich freute mich auf meinen Salat. Doch die Beleuchtung über dem Salatbuffet war defekt, wodurch der Raum zu dunkel für mich war – ergo kein Salat für mich. Eigentlich eine Kleinigkeit, aber heute drückte dieses Detail schwer auf meine eh schon miese Stimmung. Wegen oben genanntem Software-Problem, musste ich länger im Büro bleiben, obwohl ich Krümel normalerweise nicht so lange in der Kita lassen möchte. Als sich das Problem dann in Wohlgefallen auflöste, war ich in einem Status, für den das Wort „gereizt“ nicht mehr ganz zutreffend war.

Wenigsten Krümel freute sich mich zu sehen. Auf dem Weg zur Bahn schmiss er plötzlich seine sonst so geliebten Apfelschnitze durch die Gegend. Hmpf.

Normalerweise können wir jede Bahn nehmen, die an dieser Station hält, doch heute war auch dort der Wurm drin. Die erste Bahn: Eine Bahn nur für Schüler. Die zweite Bahn: Ein Sonderzug, der nicht in unsere Richtung fährt. Möp. Krümel wurde langsam unruhig. Die dritte Bahn: Hielt nicht mal an. Endlich kam die Vierte. Ich konnte sogar die richtige Liniennummer erkennen und sie hielt sogar an. Endlich! Ich drückte auf den Knopf am Einstieg. Nichts geschah. Kommt schon mal vor, ich drückte also nochmal.

„Was steht da draußen!“ brüllte mir der Fahrer schroff über den Außenlautsprecher entgegen.

Ja was weiß denn ich? Vorne steht die richtige Liniennummer, was an der besch***enen verwaschenen Außenanzeige steht, kann ich verflucht nochmal nicht lesen!

Tja, die anderen Leute auf dem Bahnsteig hatten die Anzeige wohl lesen können, denn ich war die Einzige, die blöd an der Tür herumdrückte.

Nun stand ich da, mit dem Gefühl zehn Scheinwerfer seien auf mich gerichtet. Hin- und hergerissen zwischen dem tiefen Bedürfnis mich in das nächste Erdloch zu verkriechen, dem Fahrer eine Ohrfeige zu verpassen (käme ich nur an ihn ran) oder einfach an Ort und Stelle loszuheulen. Aber ich hatte Krümel dabei und überhaupt..

Es sind Situationen wie diese heute, die mich immer wieder drohen in ein Loch zu ziehen. Einzeln genommen und selten sind sie ärgerlich, aber weiterer Beachtung nicht wert. Doch heute, da ist wieder so ein Tag, an dem ich mich ernsthaft frage, was ich hier eingentlich tue. Mein Leben habe ich eigentlich gut im Griff, doch es gibt Dinge, die ich nicht in der Hand habe und die meinen Alltag wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen können. Da ist die Software, die ich mit meinen mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln nicht nutzen kann. Da ist die Salatbar in der wuseligen, dunklen Kantine, an der ich mich nicht ohne Unterstützung bedienen kann. Da ist der Fahrer, der mich anbrüllt und vor den übrigen Anwesenden bloßstellt, weil ich nicht alles lesen kann wie alle anderen.

Heute ist so ein Tag, an dem mich meine Behinderung schlicht weg ankotzt. Ich will nicht mehr „anders“ sein. Ich will mich nicht ständig um solche Kleinigkeiten Gedanken machen müssen, ob ich mir heute das Essen holen kann, das ich möchte. Ich will mich nicht mehr ständig dafür abstrampeln müssen, dasselbe machen zu können wie meine Kollegen, die keine den Dienst versagenden Hilfsmittel benötigen, um eine dämliche Software zu bedienen. Und ich will nicht immer wieder für Dinge angebrüllt werden, für die ich nichts kann, sondern ich möchte wie selbstverständlich meine Umgebung wahrnehmen können, ohne die ständige Angst irgendetwas zu übersehen oder falsch zu machen. Ich möchte einfach dazugehören!

Der Fahrer hatte vermutlich nicht die Absicht, mich in ein solches Gefühlschaos zu stürzen. Er weiß nichts von meiner Behinderung, denn man „sieht sie mir nicht an“, wenn ich den Blindenstock nicht dabei habe. Trotzdem hätte er sich seinen gehässigen Kommentar sparen oder zumindest anders formulieren können.

Der heutige Tag hat mir mal wieder gezeigt wie fragil mein Alltag an manchen Stellen ist und wie sehr ich versuche „dazu zu gehören“. Ich versuche Schwächen wo es nur geht zu kompensieren und sie manchmal sogar wegzudenken. „Ich kann alles, was Nichtbehinderte auch können!“ Das geht dann so lange gut, bis ich an eine Grenze stoße – sei sie körperlicher, technischer oder mitmenschlicher Natur.

Heute versinke ich noch ein wenig in Selbstmitleid und hoffe, morgen wird ein hellerer Tag.

 

Einer dieser Tage
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2 Gedanken zu „Einer dieser Tage

  • 13. April 2016 um 23:11
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    Ja, solche Tage kenne ich auch. Da kommt eines zum anderen und am Schluss möchte man nur noch heulen. Hut ab, dass du das vor dem Krümel unterdrücken konntest !!!
    Wunderschöne Zeichnungen übrigens und ganz tolle Texte!
    Viele Grüße,
    Meta

    Antworten
    • 26. Mai 2016 um 23:02
      Permalink

      Zum Glück sind solche Tage nicht all zu häufig und es kommen wieder schönere Tage.
      Ich danke dir sehr für deine lieben Worte!

      Antworten

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