Kennt ihr das? Es läuft eigentlich alles rund und plötzlich geschieht irgendeine Kleinigkeit, die euch aus der Bahn wirft? Bei mir gab es diese Woche so eine Situation.

Der Tag fing entspannt an. Meine Mama war zu Besuch und wir haben gemeinsam mit Krümel gefrühstückt. Anschließend sind wir spazieren gegangen, um das tolle Wetter zu genießen. Unser Ziel war ein Wasserspielplatz, den wir diese Woche neu entdeckt hatten und mal ausprobieren wollten. Dort gibt es einen kleinen Hügel mit einer Wasserpumpe, Wasserläufe und Staudämme. Drumherum viele alte Bäume. Ein wirklich tolles Fleckchen zum Toben und Entdecken.

Kaum dort angekommen war Krümel schon begeistert dabei über die Wasserläufe und Dämme zu klettern. Wir matschten im nassen Sand, schaufelten selbigen von A nach B und wieder von B nach A und hatten einen tollen Vormittag.

Bevor wir den Heimweg antreten konnten, mussten sowohl Krümel als auch seine Gerätschaften entschmoddert werden. Als ich Schaufel und Eimer abklopfte und den Kopf hob, merkte ich, dass meine Mutter mit dem Krümel verschwunden war. Ich sah mich hastig um, hörte sie aber gleich ein paar Meter entfernt mit dem Kleinen reden. Beide standen an der Wasserpumpe, um Krümel abzuwaschen. Ich lief schnell mit dem Handtuch hin, blieb aber gleich wieder abrupt stehen. Die Wasserpumpe befand sich auf dem kleinen Hügel. Er war nicht hoch, höchstens 1,80 m. Mir kam er aber riesig vor.

Der Hügel war steil und aus hellem Stein, halb mit Sand bedeckt. Er hob sich für mich dadurch nicht vom sandigen Untergrund ab, sodass ich seine Konturen nicht ausmachen konnte. Ich wollte zu meinem Sohn und sah keinen Weg, um zu ihm zu kommen. Ich fand keine Treppe und wagte es nicht hochzuklettern ohne zu sehen wohin ich den Fuß setzte. Ich hätte einfach meine Mutter fragen können, wie ich zu ihnen hinauf steigen könnte. Aber es war noch eine andere Mama mit ihrem Kind auf dem Hügel und so traute ich mich nicht zu fragen. Mir war es unerträglich unangenehm, nicht aus eigener Kraft zu meinem Sohn zu kommen. So blieb ich unten stehen. Mit einem dicken Klos im Hals. In diesem Moment fühlte es sich an, als stünde ich am Fuß eines riesigen Berges und mein Sohn hoch oben auf dem Gipfel. Weit weg und unerreichbar für mich.

Keine zwei Minuten später war Krümel vom Sand befreit und ich konnte ihn wieder in die Arme schließen. Angefühlt hat es sich aber wie eine Ewigkeit. Eine Ewigkeit, in der ich an mir zweifelte.

Mir wurde mal wieder klar, dass andere mehr können als ich. Dass ich als Mama immer wieder auf Hilfe angewiesen sein werde. Selbst bei so alltäglichen Dingen wie auf einen winzigen Hügel steigen. Das machte mich gleichzeitig traurig und wütend. Traurig, weil ich nicht alles aus eigener Kraft bewerkstelligen kann. Wütend auf mich selbst, weil ich mir manchmal fehlerhaft vorkomme. Und wütend, weil ich manchmal nicht selbstbewusst genug bin.

Was wäre denn gewesen, wenn ich meine Mutter einfach gebeten hätte, mir auf den Hügel zu helfen? Dann hätten die anderen Leute auf dem Spielplatz mich vielleicht komisch angeschaut. So what? Was kümmert’s mich? So sollte ich eigentlich denken. Warum zum Henker mache ich es dann nicht? Ich glaube, weil ich mein Handicap nicht wirklich akzeptiert habe. Ich versuche meine Behinderung zu verstecken wann immer es geht. Ich versuche alles aus eigener Kraft zu schaffen. Und wenn das nicht geht, lasse ich es lieber ganz bleiben als um Hilfe zu bitten.

Das ist die Eigenschaft an mir, die mich am meisten nervt. Seit ich den Krümel habe gelingt es mir immer öfter über meinen Schatten zu springen. Mir mehr zuzutrauen und auch – wenn es denn sein muss – mich an Menschen zu wenden, die mich unterstützen können. An diesem Tag auf dem Spielplatz war aber wieder so ein Tag, an dem ich wie gelähmt war und nicht aus mir heraus kam.

Ich arbeite aber an mir. Für Krümel und für mich selbst.

Eigentlich nur ein Hügel
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3 Gedanken zu „Eigentlich nur ein Hügel

  • 31. August 2015 um 14:29
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    Hallo, ja ich kenne das Gefühl eingeschränkt zu sein, nicht alles zu schaffen was andere schaffen. Es ist frustrierend aber was sollen wir tun ? Manches ist nicht zu ändern und wir können nur schauen wie wir damit gut leben lernen. Mein Traum wäre eine Gesellschaft die Inklusion lebt und wo es stinknormal ist das behinderte Menschen zwischendurch mal irgendwo Hilfe brauchen.

    Antworten
    • 31. August 2015 um 14:58
      Permalink

      Hallo Isabel,

      da hast du Recht. Dieses Gefühl gehört einfach dazu. Auch wenn es nicht zu ändern ist, nervt es mich manchmal. Ich glaube nicht, dass ich das jemals ganz abschütteln kann. Darüber zu schreiben hilft aber sehr.

      Eine Welt, in der Behinderung ganz normal und nichts Besonderes ist, würde mir auch gefallen. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg auch wenn es mit Sicherheit noch lange dauern wird.

      Du hast übrigens den ersten Kommentar auf meinem Blog geschrieben. Fühl dich dafür virtuell gedrückt! :-)

      Liebe Grüße
      Anja

      Antworten

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