Neulich in der Bahn ist es mal wieder passiert. Eine nette ältere Dame hat sich neben mich und Krümel, den ich in der Trage hatte, gesetzt. Wie Krümel eben so ist hat er gleich den Flirtmodus angeworfen und lächelte und winkte fröhlich. So kamen wir schnell ins Gespräch.

„Wie alt ist sie denn?“

Er ist 13 Monate alt“, antwortete ich zwinkernd.

„Die Kleine ist aber gut gelaunt!“

Es war wohl die rosa-rot-gestreifte Jacke, die Krümel trug und die Dame ihn für ein Mädchen halten ließ. Wie schon einige ähnliche Situationen gezeigt haben, hilft dann auch kein Kommentar meinerseits, dass er ein Junge ist. Dieser wird meist einfach überhört.

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Alles. Ist. Blau

Ich bin zwar selbst kein großer Fan von rosa, aber Krümel brauchte neulich dringend eine neue Jacke und ich war auf der Suche nach einer hellen, gut sichtbaren Farbe. Also stand eine Runde durch die Bekleidungsgeschäfte der Umgebung auf dem Plan. Dabei ist mir mal wieder aufgefallen wie fürchterlich öde und frustrierend es für mich ist Klamotten für einen kleinen Jungen zu kaufen.

Betrete ich eine Kinderabteilung, leuchtet es mir aus allen Ecken rosa entgegen und überall glitzert und rüscht es. Einhörner, japanische Kätzchen und Eisköniginnen winken mir auffordernd von den Kleiderständern zu. Doch irgendwo halb verdeckt in einer der hinteren Ecken, wo nur noch eine einsame, flackernde Glühbirne an der Decke tapfer ihren Dienst verrichtet, steht es: Das Regal mit den Jungen-Klamotten.

Die Freude, es gefunden zu haben, weicht schnell der Ernüchterung: Alles. Ist. Blau.

Gut, fairerweise muss ich erwähnen, dass sich auch mal ein roter oder gar gelber Streifen unter den blauen Einheitsbrei mischt. Hier und da blitzt sogar ein gewagtes Froschgrün oder ein fröhliches Dunkelgrau hervor. Doch im Großen und Ganzen ist alles blau. Hosen, Shirts, Pullover, Jacken. Einfach alles. Und wo Blau nicht zu sehen ist, ist zumindest ein Bagger oder ein anderes berädertes Fortbewegungsmittel angebracht.

Diktiert uns da die Industrie etwas auf oder ist es genau anders herum?

Ein Leben in der Schublade

Wie so oft, frage ich mich in solchen Situationen, warum schon die Kleinsten in Schubladen gesteckt werden? Warum haben Eltern (überspitzt gesagt) oft nur die Wahl zwischen Prinzessin und Baggerfahrer?

Diese Fragen stelle ich mir nicht nur beim Klamottenkauf für den kleinen Sohn. Die Glückwunschkarte zur Geburt, eine Kiste mit weitergereichter Kinderkleidung von Bekannten oder die Windeltorte der Arbeitskollegen – es ergibt sich meist ein ähnliches Bild: Jungen bekommen blau, Mädchen rosa. Dazwischen gibt’s nicht viel Spielraum.

Es macht mich traurig und manchmal auch wütend, dass Babys noch vor ihrer Geburt in eine dieser Schubladen gequetscht werden.

Dabei glaube ich nicht, dass Schubladen generell etwas Negatives sind. Sie helfen uns, Ordnung in die Welt zu bringen. Doch im Zusammenhang mit Geschlechterrollen dreht es mir immer wieder den Magen um. Ich bin der Meinung, dass der Charakter den Menschen ausmacht und nicht das Geschlecht. Doch manchmal scheint mir das in unserer Gesellschaft genau umgekehrt gesehen zu werden.

„Das ist nichts für dich“

Dem kleinen Baby-Mädchen werden ein rosa Rüschenkleidchen und eine Puppe geschenkt, während es für den Baby-Jungen wie selbstverständlich ein Spielzeugauto und einen Fußball gibt. Damit sind – bewusst oder unbewusst – Erwartungen an die Kleinen geknüpft. Oft höre ich auch Sätze wie „Das ist nur was für Mädchen“ oder „Das können nur Jungs“. Meist stecken dahinter aber nur die Vorstellungen der Erwachsenen, die ihre eigenen Erfahrungen und Vorurteile zu Grunde legen.

Pressen wir Kinder mit solchen Gesten und Worten schon von Anfang an in ein Korsett? Wäre es nicht klüger, sie stattdessen selbst entscheiden und ausprobieren zu lassen, was ihnen gefällt und was sie wirklich können oder auch nicht können? Vielleicht würden uns die Kleinen ja dann überraschen.

Für Kinder ist die Suche nach ihrem Platz im Leben ein zentraler Punkt. Dazu gehört auch herauszufinden, ob man Junge oder Mädchen ist und was das überhaupt bedeutet. Das ist gut und wichtig. Mir ist nur nicht wohl dabei, wenn wir Erwachsenen sie dabei zu sehr in eine von uns vorgegebene Richtung drängen – sei es nun durch das angebotene Spielzeugs, die Farbe der Klamotten oder die Wahl des ersten Sportkurses.

Meiner Meinung nach kann eine zu starke Beeinflussung ein Kind ausbremsen und in seiner Entwicklung behindern.

Tja, und nun?

Und warum zum Henker habe ich ein seltsames Gefühl, wenn ich meinem Sohn eine Jacke mit rosa Streifen anziehe? Bin ich auch Opfer meiner eigenen Vorurteile?

Ich hoffe, mir wird es gelingen meinem Sohn soweit es geht vor diesen Schubladen zu bewahren. Dazu gehört für mich vor allem auf mein eigenes Verhalten zu achten. Vielleicht ertappe ich mich so dabei, wenn ich ihn in eine Richtung dirigiere, die gar nicht die seine ist.

Die Genderfrage – Auch Babys landen in Schubladen
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4 Gedanken zu „Die Genderfrage – Auch Babys landen in Schubladen

  • 22. Oktober 2015 um 16:32
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    Hallo

    Wir versuchen auch unsere Kleine weg von diesen Klischee-Farben anzuziehen. So haben wir absolut kein Problem damit Klamotten geschenkt oder verkauft zu bekommen, die eigentlich für Jungs gedacht waren. Warum auch? Die meisten Sachen sind so neutral, dass man sie ruhigen Gewissens jedem Baby anziehen kann.
    Eine rosa Glitzerwelt wird es unter meiner Paparegentschaft übrigens nicht geben. Erst wenn sie 18 ist und auszieht :-)

    Antworten
    • 22. Oktober 2015 um 21:02
      Permalink

      Hallo Kai,

      ich hatte als Kind auch mal eine Prinzessinnen-Phase, allerdings war da noch nicht die Farbe Rosa im Spiel. Das kam wohl erst nach meiner Zeit so richtig auf.
      Es ist ja auch nicht so, dass ich das Rosa-Glitzer-Tamtam generell doof finde. Wenn’s die Kids wollen, prima, nur dem „Drängeln“ in diese Richtung stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber.

      Ich find’s auf jeden Fall schön wie ihr das mit Eurer Kleinen macht :-)

      Liebe Grüße
      Anja

      Antworten
  • 1. November 2015 um 23:28
    Permalink

    Ich verstehe dich vollkommen. Auch ich ärgere mich tierisch über die Einfallslosigkeit bei Jungsklamotten. Auch ich bin ständig auf der Suche nach Farben jenseits von blau, braun und grün. Und zieh deinem Sohn ruhig die Rosa-Streifen-Jacke an. Ist doch egal. Die Lieblingsfarbe meines Sohnes ist Lila. Er hat sich ein Kissen für sein Bett gewünscht und ausdrücklich gesagt, das Kissen soll lila sein. Jetzt hat er ein lila Kissen. Farben sind nur Farben.
    Ganz liebe Grüße Anke

    Antworten
    • 2. November 2015 um 17:47
      Permalink

      Hallo Anke,

      das hast du schön gesagt. Farben sind wirklich nur Farben und für alle da. Hoffentlich sieht das die Modeindustrie auch irgendwann ein :-)

      Liebe Grüße
      Anja

      Antworten

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