Neulich meinte eine gute Freundin, die bald ihr erstes Kind erwartet, sie würde mich dann um Tipps bitten wie man mit Baby so entspannt bleibt wie ich. Da wäre mir doch fast der Kaffee aus der Nase gespritzt. Entspannt? Ich?! Da musste sie mich wohl verwechseln.

Wenn ich so an mein Dasein als frischgebackene Mama zurückdenke, kommen mir zuerst Unsicherheit, Zweifel, Angst und noch mehr Unsicherheit in den Sinn. Von Gelassenheit keine Spur. Vielleicht hat meine Freundin auch einfach nur meine vor Müdigkeit schweren Augenlieder mit Entspanntheit verwechselt. Oder liegt es einfach in der menschlichen Natur nach Außen stets den Eindruck erwecken zu wollen man hätte alles fest im Griff?

Bevor ich Mama wurde habe ich mit keiner Frau Bekanntschaft gemacht, die durchblicken ließ – oder gar offen aussprach –, dass sie mit der neuen Situation überfordert wäre. Das kommt vielleicht auch daher, dass wir im engeren Freundeskreis die Ersten waren, bei denen es Nachwuchs gab. Auch in unserer Familie waren wir die Ersten seit bald zwei Jahrzehnten. So blieben nur die Mamas aus dem entfernteren Bekanntenkreis blieben als Richtschnur übrig. Und diese machten auf mich immer den Eindruck, Kinder zu haben sei das Natürlichste und Einfachste auf der Welt. Sie ließen alles so leicht aussehen. Sie waren so entspannt. Da ist es wieder, dieses Wörtchen „entspannt“.

Und natürlich waren da noch die Mütter, die man so aus Film und Fernsehen kennt, die (unbewusst) meine Vorstellung vom Dasein einer Neu-Mama formten. So hatte ich vor der Geburt meines Sohnes in etwas folgendes wirres Bild im Kopf wie eine Neu-Mama auszusehen hatte:

Eine schwer atmende Frau zerquetscht im Kreißsaal die Hand ihres Mannes, presst ein letztes Mal angestrengt und das Baby ist da. Hach, wie süß! Noch einmal kurz durchatmen und aller Schmerz ist vergessen als sie ihr Baby in den Arm gelegt bekommt.

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Die frischgebackene Mama sitzt aufrecht, frisch gekämmt und in ein modisches Blümchennachthemd gekleidet im Krankenhausbett und wiegt ihr Neugeborenes im Arm, das sie verträumt anlächelt.

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Der erste Tag zuhause: Die Mama sitzt in einem gemütlichen Lehnstuhl am Fenster und stillt ihr zufrieden schmatzendes Baby. Und bevor ihr fragt: Selbstverständlich lächelt sie verträumt.

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Die Mama geht (top gestylet und geschminkt) mit ihren Freundinnen ins Café. Sie schaut von ihrem Vanilla Latte auf, um ihr schlafendes Baby im Kinderwagen zu betrachten. Verträumt läch…na ihr wisst schon.

Zugegeben, dieser Text ist recht sarkastisch. Vielleicht Bestimmt gibt es tatsächlich Mamas, die es schaffen die erste Zeit mit Baby so zu wuppen. Bei mir und – wie ich im Laufe des letzten Jahres erfahren habe – vielen, vielen anderen Müttern verläuft besonders die erste Babyzeit keineswegs so glatt. Ich denke, dass solche wirren Klischee-Bilder, wie ich sie damals im Kopf hatte, fatal für junge Eltern sein können, denn sie setzten Maßstäbe, die man nicht erreichen kann und – vielleicht noch wichtiger – gar nicht erreichen muss.

Aus diesem Grund beschreibe ich die oben dargestellten Szenen kurz wie sie bei mir tatsächlich abgelaufen sind:

Mein Baby wird per Kaiserschnitt geholt und mir auf die Brust gelegt, während ich genäht werde. Statt ungetrübter Glückseligkeit erfüllt mich der Gedanke: „Ich bin jetzt die Mutter dieses kleinen, zerbrechlichen Wesens. Hilfe!“

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Ich liege gekrümmt und verwuschelt im Krankenhausbett. Statt einem schicken Blümchennachthemd trage ich Thrombosestrümpfe und sexy Netzunterhosen unter dem Krankenhaushemdchen. Mein Neugeborenes liegt im Beistellbettchen. Wegen der frischen Kaiserschnittnarbe kann ich mich kaum rühren und das Kleine nicht einmal aus eigener Kraft aus dem Bett heben.

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Der erste Tag zu Hause: Ich sitze mit meinem hungrigen Baby auf dem Sofa und versuche es zu zum wiederholten Mal zu stillen. Es klappt nicht. Ich weine vor Schmerz und vor Verzweiflung.

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Ich schaffe es zum ersten Mal mit dem Kleinen ganz alleine vor die Tür zu gehen. Wir sind beide angezogen, satt und ausgeschlafen wach. Keiner der anderen Passanten hatte eine Ahnung weshalb ich so ein fettes Grinsen aufgesetzt hatte. Ich war in diesem Moment einfach unsagbar stolz auf mich.

Ich könnte noch unzählige weitere Beispiele aufzählen, an denen ich weit neben meiner damaligen Wunschvorstellung lag. Und ich glaube, es geht vielen anderen Mamas ähnlich – besonders in der Anfangszeit.

Aber woher kommt dieses Bild der Mutter, die lockerflockig Kind, Partner, Freunde, Hobbies und den ganzen Rest unter einen Hut bekommt? Rührt es daher, dass man sich von allen Müttern, die man kennt, mehr oder weniger bewusst die besten Eigenschaften herauspickt und aus ihnen die eigene Vision der Supermutter zusammenbastelt? Nur um anschließend bei jeder sich bietenden Gelegenheit das eigene Sein und Handeln mit dieser Heiligenfigur zu verglichen?

Man rutscht so leicht in das Verhaltensmuster sich mit anderen zu vergleichen. Nur ist es eben so, dass Menschen natürlich wenig von ihren Schwächen und Selbstzweifel durchblicken lassen, sondern lieber ihre Stärken zeigen. So bekommt man automatisch mehr Positives als Negatives zu hören. Da passiert es schnell, dass man denkt, bei den anderen wäre alles locker, leicht und fluffig, während man sich selbst abstrampelt, um den Alltag zu meistern. Die eine Bekannte ist ein Bastelgenie, die andere näht gerne und zack: Ist man der Meinung, um eine gute Mutter zu sein müsse man die eigenen Kinder von nun an nur noch in Selbstgenähtes kleiden, jeden Nachmittag mindestens ein paar Stunden basteln und der Familie am Abend ein selbst-kreiertes 3-Gänge-Menü auf den Tisch zaubern.

Dass man da nur verlieren kann, ist klar. Doch diese Erkenntnis setzte bei mir erst spät ein. Ich glaube, mir hat am meisten geholfen festzustellen, dass auch andere Mütter nur mit Wasser kochen. Auch andere haben ein Idealbild ihrer Mutterrolle und versuchen diesem irgendwie gerecht zu werden. Nicht allein zu sein mit diesen überhöhten Erwartungen an sich selbst hilft. Und es schafft Gelegenheit, die schönen und guten Dinge wieder mehr zu erkennen und zu würdigen. Man ist eben keine Mischung anderer Mütter, sondern bringt ganz andere Eigenschaften und Stärken mit.

Muttersein mag das Natürlichste der Welt sein, aber ganz bestimmt nicht das Leichteste.

Ich gehe jetzt jedenfalls meiner Freundin erzählen, wie tiefenentspannt ich damals wirklich war.

Die absolute Tiefenentspanntheit einer Neu-Mama

2 Gedanken zu „Die absolute Tiefenentspanntheit einer Neu-Mama

  • 25. November 2015 um 21:52
    Permalink

    Ein sehr schöner Text und soviel Wahres darin! Ich habe auch, weder vorher noch in der ersten Babyzeit, Mütter kennengelernt, die gesagt habe, dass sie überfordert sind oder wie schrecklich es manchmal ist. Deshalb mache ich es anders und erzähle jedem, ob er/sie es wissen will oder nicht, dass nicht alles rosarot und Friede-Freude-Eierkuchen ist. Ich hoffe, ich trage dadurch ein wenig zur „Aufklärung“ bei…
    Liebe Grüße!

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    • 25. November 2015 um 22:02
      Permalink

      Genau so sehe ich das auch. Das ist übrigens auch einer der Gründe, weswegen ich deinen Blog so schätze.

      Gerade als frischgebackene Mamas steht das Leben eh schon Kopf. Da braucht man jemanden, der sagt, dass es auch in Ordnung ist, wenn man nicht „perfekt“ ist.

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