Es war einmal eine Mutter, die an das Märchen von der Vereinbarkeit glaubte. Als sie selbst noch keine Mutter war, war Vereinbarkeit für sie ein abstrakter Begriff. Irgendwas mit Eltern, Kind und Beruf eben. Einer bleibt zuhause und geht irgendwann wieder arbeiten. So sah das zumindest in ihrem Umfeld immer aus.

Doch kaum hielt sie den positiven Schwangerschaftstest in Händen, dämmerte es der Mutter: Die Sache mit der Vereinbarkeit war vielleicht doch nicht so simpel wie gedacht…

Schon in der Schwangerschaft bröckelte meine Illusion von Vereinbarkeit. Plötzlich standen Fragen im Raum wie lange die Elternzeit dauern sollte, wer sie nimmt, ob es in Teilzeit weitergeht und ab wann das Kind in die Kita gehen sollte. Denn um einen Kita-Platz musste man sich schon früh bemühen – am allerbesten noch vor der Zeugung. Das waren allesamt sehr wichtige und weitreichende Entscheidungen. Auch wenn wir damals noch keine rechte Ahnung vom Elternsein hatten und uns daher nur halbwegs in die Lage versetzt fühlten, solche wichtigen Entscheidungen zu treffen, legten wir uns gewissenhaft einen Plan zurecht und folgten diesem.

 

Vereinbarkeit im Anfangsstadium

Meine Schwangerschaft verging wie im Flug, mein Jahr Elternzeit größtenteils ebenso. Und plötzlich war der Tag gekommen, da war Krümel in der Kita eingewöhnt und der Anpfiff zu meines beruflichen Wiedereinstiegs ertönte. Abermals definierte sich mein Verständnis von der Vereinbarkeit neu, schließlich erlebte ich sie nun am eigenen Leib. Bald dachte ich:

„Aha! So fühlt sich Vereinbarkeit also an. Verstehe. Naja, puh, ist ja doch ganz schön anstrengend. Pünktlich aus dem Haus kommen, Kind abliefern, Arbeit gewissenhaft erledigen, Kind abholen, Spielen, Haushalt… Und huch, schon wieder ein Tag vergangen, an dem ich vor lauter Organisieren, Machen und Tun vergessen habe etwas zu essen.“

Die ersten Wochen empfand ich als sehr aufregend und anstrengend. So viel Neues: Neue Kollegen und Aufgaben im Job, neue Abläufe und Alltagsroutine zuhause. Zudem teilte ich mir von nun an Krümels Tag mit den ErzieherInnen in der Kita. Auch das musste ich erstmal verkraften – von Krümel selbst ganz zu schweigen. Anfangs war ich am Ende des Tages so müde, dass ich wie ein Stein mit dem Kleinen ins Bett gefallen bin.

Nach ein paar Wochen ging es dann immer besser. Wir hatten uns eingespielt und mit der Routine kehrte Ruhe ein. Da war abends endlich etwas Energie übrig, um Zeit mit meinem Mann zu verbringen und dem ein oder anderen Hobby nachzugehen.

Damals dachte ich zum dritten Mal, ich hätte das mit der Vereinbarkeit endlich verstanden:

„Ah, geht doch. Ist ja gar nicht schlimm. Läuft doch super, wenn man mal den Dreh raus hat.“

 

Vereinbarkeit und das Männchen mit dem Hammer.

Das Männchen mit dem Hammer traf uns in Form einer herbstlichen Grippewelle und zerdepperte mein schönes Vereinbarkeits-Luftschloss aufs Neue.

Da stand ich nun mit einer fetten Erkältung und Fieberkind und musste mich zum ersten Mal der Herausforderung stellen wie man die Tage gewuppt bekommt. Da spürte ich auch ganz deutlich die Zerrissenheit, die schnell zu einem anhaltend schlechten Gewissen mutierte. Es war dieses Gefühl, niemandem mehr gerecht zu werden: Dem Kind nicht, weil man nicht rund um die Uhr bei ihm sein kann. Dem Partner nicht, weil man keine freie Minute übrig hat. Dem Arbeitgeber nicht, weil man ständig ausfällt. Den Kollegen nicht, weil sie den Arbeitsausfall ausbaden müssen. Und auch sich selbst nicht, weil man keine Chance hat, den erschöpften Geist und Körper zu regenerieren.

Kaum besserte sich die gesundheitliche Lage und wir kamen auf die Beine, um unseren Alltag neu aufzunehmen, schwappte die nächste Grippewelle über unseren Köpfen zusammen. Genauer gesagt, verbrachten wir einen guten Teil des ersten halben Kita-Jahres in diesem Zustand. Mein Mann und ich wechselten uns mit dem kranken Krümel zuhause ab. Oft war eh einer von uns gleichzeitig krank. Meine Mama konnte immer wieder einen Tag einspringen und sich um Krümel kümmern, sodass mein Mann und ich arbeiten gehen konnten. Besonders in den drei Monaten, die wir im Familien-Lazarett verbrachten, wüsste ich nicht wie wir das ohne ihre Unterstützung hätten überstehen können.

 

Vereinbarkeit: Gibt es soetwas wirklich?

Wenn du dich Tag für Tag krank zur Arbeit schleppst, während der Rest der Familie ebenfalls krank zuhause liegt. Wenn du abends nicht mehr weißt, ob deine Kräfte für den nächsten Arbeitstag noch reichen werden. Wenn dich dein schlechtes Gewissen aufzufressen droht. Dann wird dir auf einmal bewusst, dass deine ganze schöne Routine keinen Pfifferling mehr Wert ist. Dann beginnst du noch einmal ganz neu über dieses Vereinbarkeits-Ding nachzudenken. Gibt es soetwas überhaupt? Alle in unserem Umfeld scheinen das doch auch hinzubekommen, warum wir nicht? Was machen wir falsch? Was nur?!

 

Vereinbarkeit hat eine multiple Persönlichkeit

Und dann sind plötzlich alle gesund und die Routine ist zurück. Dann läuft der Tag aufs Neue rund. Und wieder einmal bin ich kurz davor zu behaupten, ich hätte das mit dieser „Vereinbarkeit“ verstanden. Doch mittlerweile weiß ich es besser: Vereinbarkeit hat viele Gesichter – die guten und die hässlichen. Zeigt sie eines ihrer guten Gesichter, freue ich mich, dass ich meine Arbeit habe, dass Krümel derweil in der Kita gut aufgehoben ist und dass wir ein stinknormales Leben führen können, in dem jedes Familienmitglied zum Zuge kommt. Zeigt die Vereinbarkeit jedoch eine ihrer Fratzen, zweifle ich an unserem Weg, an meinen Fähigkeiten und an der Gesellschaft als solche.

Zumindest eines ist mir mittlerweile klar: Die Vereinbarkeit kommt dann ins Wanken, wenn eine der tragenden Säulen wegbricht. Meist können wir eine fehlende Säule noch irgendwie kompensieren, doch spätestens bei der zweiten wird’s eng.

Vereinbarkeit und nu?

Wer am Anfang dieses Beitrags erwartet hat, an dieser Stelle eindeutige Erkenntnisse oder zumindest ein paar kluge Ratschläge zu finden, den muss ich leider enttäuschen. Was ist Vereinbarkeit? Ich habe keine Ahnung. Momentan tippe ich auf ein Märchen, das uns erzählt wurde und das wir uns untereinander weitererzählen.

Nichtsdestotrotz lasse ich mich von der Zukunft liebend gerne eines Besseren belehren.

Das Märchen von der Vereinbarkeit
Markiert in:     

Ein Gedanke zu „Das Märchen von der Vereinbarkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: