Meine liebe Hebamme,

ich möchte dir heute ein paar Zeilen schreiben, denn wir sind auseinander gegangen ohne uns richtig voneinander verabschieden zu können.

Einer der Punkte, die während der Schwangerschaft weit oben auf meiner Todo-Liste standen, war es eine gute Hebamme zu finden. Dabei war es mir wichtig, dass sie aus der nahen Umgebung kommt, damit ich Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse problemlos zu Fuß erreichen konnte. Doch viel wichtiger war die Chemie. Denn wenn die nicht stimmt, wie soll sich dann ein Vertrauensverhältnis aufbauen? So schaute ich mich frühzeitig um. Obwohl zum errechneten Geburtstermin im Sommer mal wieder Baby-Boom herrschte, fand ich dich recht schnell: Eine etwa gleichaltrige Hebamme aus der Nachbarschaft, die noch ein Plätzchen für mich frei hatte. Meine Freude war groß.

Beim ersten Kennenlerngespräch waren wir uns auf Anhieb sympathisch. Die Chemie stimmte. Die folgenden Monate bis zum Beginn des Geburtsvorbereitungskurses verbrachte ich mit dem Gefühl, eine gute Entscheidung getroffen zu haben und bei dir für die Zukunft gut aufgehoben zu sein. Da wusste ich noch nicht, welches Ende das mal nehmen würde. Der Geburtsvorbereitungskurs gab mir schon einen klitzekleinen Vorgeschmack als der gesammelte Kurs einmal vor verschlossener Tür stand, weil du vergessen hattest uns abzusagen. Ein bisschen unorganisiert war du schon, aber das machte dich für mich eher sympathisch.

Nach Krümels Geburt erholten wir uns die ersten Tage im Krankenhaus. Zuhause angekommen, kamst du uns am zweiten Tag besuchen. Wie so ein erster Hausbesuch eben abläuft, haben wir eine Weile geplaudert, du hast dir meine Kaiserschnittnarbe angeschaut und Krümel begutachtet und gewogen. Alles war prima. Zu den nächsten Terminen verspätetest du dich immer häufiger. Das war anfangs nicht weiter schlimm, denn die Verspätungen hielten sich noch in Grenzen und außerdem kann im Berufsalltag einer Hebamme schließlich immer was dazwischen kommen. Kinder sind eben nicht planbar – erst recht keine Neugeborenen. Deine Unzuverlässigkeit nahm jedoch stetig zu. Einmal hattest du dich für den frühen Nachmittag angekündigt. Es folgten zahllose SMS wie:

„Wird etwas später bei mir.“

„Ich brauche noch eine Stunde, sorry!“

„Fahre gleich los!“

„Ich schaff’s leider nicht mehr. Können wir es doch auf morgen verschieben?“

Und das war nicht die Ausnahme, sondern recht schnell die Regel. Oft saßen wir bei schönstem Wetter zuhause, weil wir dachten, dass du jeden Moment an der Tür klingeln würdest. Gerne wären wir mit dem Kleinen raus gegangen oder hätten Besuch empfangen, stattdessen verbrachten wir die Zeit mit Warten. Hinzu kam, dass du leider kaum telefonisch zu erreichen warst und so wussten wir nie genau „Kommt sie gleich?“ oder „Kommt sie heute nicht mehr?“.

Ich wünschte, ich hätte die ganze Situation damals lockerer sehen können. Doch ich brauchte dich als meine Hebamme. Sehr. Zum einen hatten wir als frischgebackene Eltern unzählige Fragen, die uns unter den Nägeln brannten. Zum anderen hatte ich enorme Probleme mit dem Stillen, was in dieser Zeit sehr an meinen Kräften zehrte. In mir wirbelten Zweifel, Ängste und Selbstvorwürfe wild durcheinander und ich brauchte dringend jemanden mit deiner Erfahrung und deinem Wissen, um mir den Kopf wieder gerade zu rücken.

Einerseits ärgerte ich mich immer mehr über deine Unzuverlässigkeit. Andererseits tatst du mir einfach Leid. Du warst ein herzlicher, offener und lieber Mensch und hast mich immer mit einem guten Gefühl zurückgelassen – wenn du denn mal den Weg zu uns gefunden hattest. Es war der zeitliche Druck, der dir stets im Nacken zu sitzen schien. Während du versuchtest einen ruhigen und gelassenen Eindruck zu machen, bekamen wir mit, wie viele Termine du vor und nach uns noch hattest. Zu den normalen Hausbesuchen kamen noch deine Kurse zur Geburtsvorbereitung, Rückbildung und Baby-Massage hinzu. Oft warst du zusätzlich noch Vertretung für zwei oder drei deiner Hebammen-Kolleginnen. So wunderten mich deine gehetzten Blicke auf die Uhr nicht. Ich hatte den Eindruck du versuchtest es allen recht zu machen – und dabei riebst du dich völlig zwischen den Fronten auf.

Zwei Mal kamst du erst nach 22 Uhr vorbei. Völlig müde und erschöpft. Wie du uns erzähltest, standen im Anschluss noch zwei weitere Hausbesuche für dich auf dem Programm. Du tatst mir so leid und gleichzeitig wünschte ich mir ganz eigennützig, du hättest mehr Zeit für mich – mehr als die paar Minuten, in denen ich meine wichtigsten Anliegen mit dir klären konnte. Immer mit dem Ticken der Uhr im Hinterkopf.

Eines Abends – das Stillen hatte einen absoluten Tiefpunkt erreicht und du hattest den vereinbarten Termin mal wieder nicht einhalten können – hing ich heulend am Telefon und schüttete dir mein Herz aus. Da du grundsätzlich aus dem Auto zurückriefst, versuchte ich das Rauschen und Knistern der Freisprechanlage herauszufiltern und bekam währenddessen nur die Hälfte von dem mit, was du mir an Ratschlägen an die Hand gabst. Von diesem Abend an baute ich nicht mehr auf dich. Ich war selbst zu erschöpft, um noch viel Verständnis aufzubringen.

Das einzige Mal, an dem du danach noch bei uns warst, bröckelte deine Fassade der Gelassenheit deutlich. Du wirktest müde und abgekämpft und bist anschließend wie gewohnt zum nächsten Termin gehetzt. Ich fragte mich, wie lange du diese Dauerbelastung noch durchhalten würdest. Besorgte Nachfragen winktest du nur mit einem Lächeln ab.

Zwei Wochen später hatte ich noch eine Frage auf dem Herzen, die ich dir gerne gestellt hätte. Doch ans Telefon gingst du nicht mehr (das war aber normal), du riefst nicht zurück und reagiertest auch nicht auf die SMS, die ich dir ein paar Tage später schrieb, um zu fragen, ob bei dir alles in Ordnung sei. Absolute Funkstille. Ich befürchtete, dass dich der Stress und die ständige Belastung eingeholt hatten. Dass meine Sorgen nicht unbegründet waren, zeigte sich einige Tage später:

Mich erreichte eine SMS von dir. Du schriebst, du seist zusammengeklappt und müsstest die nächsten Monate pausieren. Und es täte dir Leid, dass du uns im Stich lassen müsstest.

Obwohl ich diesen Ausgang irgendwie erwartet hatte, traf mich deine Nachricht sehr. Was läuft falsch, dass sich eine Frau wie du in ihrem Beruf so aufopfert bis sie zusammenbricht? Ich kann an dieser Stelle nur spekulieren, was der letztendliche Auslöser war, deswegen lasse ich das besser. Es tut mir einfach weh zu wissen, dass du dich so sehr bemüht hast mir und den anderen Mamas gerecht zu werden und dabei selbst auf der Strecke geblieben bist. Ich wünschte, du hättest Hilfe gehabt, dass es nicht so weit kommt wie es gekommen ist. Vielleicht hätte ich dir irgendwie helfen können?

Leider habe ich dich seither nicht wiedergesehen. Laut deinem Anrufbeantworter warst du auch Monate später noch nicht zurück im Job. Vielleicht liest du diese Zeilen ja auf irgendwelchen Umwegen. Ich hoffe, es geht dir inzwischen besser und du hast die Balance zwischen Beruf und Privat für sich gefunden, um wieder glücklich zu sein.

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Von der lieben Dorén vom Blog „Papa, übernimmst du die Saurengurgentage“ wurde ich gefragt, ob ich aus diesem Beitrag nicht eine Blogparade machen möchte. In den vergangenen zwei Jahren gab es jedoch bereits verschiedene Blogparaden rund ums Thema Hebammen – z.B. bei der Grummelmama oder auf Wunschkind-Herzkind-Nervkind.

Da seither jedoch viele neue Blogs das Licht der Welt erblickt haben und sich die oben genannten Blogparaden eher auf die rein positiven Erfahrungen bezogen haben, möchte ich hier trotzdem die Möglichkeit einer kleinen Linksammlung anbieten. Wer also einen Blog-Beitrag zu den Erfahrungen mit der eigenen Hebamme schreiben möchte, ist herzlich eingeladen diesen hier zu verlinken. Dabei ist es egal ob ihr über positive oder negative Erlebnisse berichtet. Auch ältere Beiträge sind willkommen.

Benutzt einfach die Kommentarfunktion unterhalb dieses Beitrags und erwähnt dort euren Blog-Post und benutzt den Hashtag #liebehebamme auf Twitter oder Facebook, damit ich eure Beiträge finden kann. Dann werde ich euch hier verlinken. Vielleicht ergibt sich so eine kleine Sammlung von vielfältigen Texten.

Und nun viel Spaß beim Schreiben!

Und hier sind eure bisherigen Texte:

Die Frühlingskindermama über „Gute und schlechte Hebammen“

Dorén schrieb gleich zwei Briefe an ihre beiden Hebammen (Blog ist leider nicht mehr online)

 

Brief an meine Hebamme
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2 Gedanken zu „Brief an meine Hebamme

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