Der folgende Brief an mich ist an mein Ich vor eineinhalb Jahren gerichtet, als ich mit dem Krümel schwanger war. Er ist Teil der Blogparade „Mein Brief an mich“ auf hebammenblog.de, auch wenn ich es nicht mehr in der zeitlichen Vorgabe geschafft habe. Aber es musste einfach raus.

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Liebe Anja,

während deiner Schwangerschaft hast du immer wieder die Frage gestellt bekommen: „Aber das wird eine natürliche Geburt, oder?“ Das war dir jedes Mal unangenehm, zumal sie dir oft von beinahe Fremden gestellt wurde. Am liebsten hättest du gar nicht geantwortet, da du die Blicke danach schon fürchtetest. Aber du wolltest ja nicht unhöflich sein, so lautete deine Antwort immer „Nein, es wird ein Kaiserschnitt“.

Es ist nicht so, dass du eine Kaiserschnitt-Gegnerin wärst. Viele Frauen wählen ihn aus den unterschiedlichsten Gründen und das ist auch gut so. Doch du wollte das für dich nicht. Du hast dir eine natürliche Geburt gewünscht. Du wolltest die Geburt spüren und dabei helfen, deinen Sohn zur Welt zu bringen.

Deine Ärzte hatten dich jedoch darauf hingewiesen, dass bei deiner Art der Augenerkrankung ein Kaiserschnitt die bessere Wahl wäre. Es bestünde die Möglichkeit, dass sich deine Sehkraft durch den Druck auf die Augen während den Presswehen weiter verschlechtert. Es könne sogar zu einer vollständigen Erblindung führen.

Diese Nachricht war ein Schock für dich. Das musstest du erst einmal sacken lassen. Du hattest dir die Geburt immer, nun ja, „normal“ vorgestellt: Wehen, rasante Fahrt ins Krankenhaus, Hand vom Mann zerquetschen, Schmerz, brüll, Baby da. So war damals zumindest deine naive Vorstellung der natürlichen Geburt.

So hast du im Laufe deiner Schwangerschaft viel über die Geburt nachgegrübelt. Jeder, dem du dich anvertraut hast, riet dir auf die Ärzte zu hören. Die würden es schon wissen. Doch egal wie du es drehtest und wendetest, der Kaiserschnitt passte nicht in dein Bild. Du wollest, dass dein Baby selbst entscheidet, wann es auf die Welt möchte und du wolltest es sein, der es dorthin bringt.

Was dich allerdings viel mehr beunruhigte als die Operation war die Bindung zu deinem Kleinen. Du hattest dir die Geburt immer als intensive letzte Vorbereitung auf das Baby vorgestellt und als Beginn einer engen Bindung. Wie sollte aber eine Bindung entstehen, wenn dieser wichtige Teil ausblieb? Dir war zwar klar, dass viele Frauen ihre Kinder mit einem Kaiserschnitt zur Welt bringen und trotzdem tolle Mütter sind, dennoch hattest du Angst.

So hast du weiterhin die Atemübungen im Geburtsvorbereitungskurs mitgemacht und dich trotzdem über die unterschiedlichen Phasen der Geburt informiert. Doch als der Geburtstermin näher rückte musstest du eine Entscheidung treffen. Blieb es beim Vorhaben Kaiserschnitt oder würdest du die natürliche Geburt wählen? Würden sie dich überhaupt lassen?

Dein größtes Problem dabei war, dass dir kein Arzt Genaues zum Risiko sagen konnte. Der Frauenarzt hatte Ahnung von der Geburt, aber nicht von den Augen. Beim Augenarzt war es genau umgekehrt. Ihre Aussagen zum Risiko basierten bei beiden auf Hörensagen. Du wolltest keine Erblindung riskieren, doch gab es wirklich keine Alternative? Keine Möglichkeit bei den Presswehen irgendwie entgegenzuwirken, um den Druck auf die Augen zu entlasten? Du bekamst keine Antworten.

Deine Wahl fiel schließlich auf den Kaiserschnitt. Es war ein Sieg der Vernunft über das Herz.

Du hast dich für eine lokale Anästhesie und gegen die Vollnarkose entschieden. Du wolltest unter keinen Umständen eine Sekunde der Entbindung verpassen, wenn du schon kein aktiver Teil davon sein könntest. Glücklicherweise hattest du keine Angst vor der Operation an sich und warst zumindest was das angeht ziemlich entspannt.

Der Kaiserschnitt verlief wie geplant und dauerte inklusive Vorbereitungen gerade mal eine Stunde.

Während du genäht wurdest hast du deinen neugeborenen kleinen Zwerg auf die Brust gelegt bekommen. Da er gleich im ersten Moment mit seinem kleinen Händchen auf deine Brille gepatscht hatte, konntest du ihn nicht sehen. Aber du konntest seinem Atem lauschen. Du hättest ihn so gern umarmt, aber deine Hände waren noch an den Seiten festgebunden. Du hast dich gefühlt wie ein Statist bei der eigenen Entbindung.

Die Tage nach der Geburt bist du zwischen Gefühlschaos und innerer Leere hin und her geschwankt. Die vergeblichen Stillversuche machten die Sache nicht leichter. Du hattest dir vorgenommen, dein Baby zumindest selbst zu ernähren, wenn du es schon nicht selbst zur Welt gebracht hattest.

Das bisschen Milch, das endlich kam, reichte nicht aus, um deinen Sohn satt zu bekommen. Da er ein recht geringes Geburtsgewicht hatte, drohte ihm die Überweisung in eine andere Klinik, wenn er noch mehr abnehmen würde. Also gabt ihr ihm das Fläschchen und du hast weiterhin das Stillen versucht. Da ein Vorher-/Nachherwiegen ergab, dass er dabei keine messbaren Mengen zu sich genommen hatte, wurde dir die elektrische Milchpumpe vorgeschlagen.

Also hast du abgepumpt. Tag und Nacht, während dein Mann eurem Sohn das Fläschchen gab und die wenigen Milliliter, die du beisteuern konntest, hinzugab. Und es wurde nicht mehr, egal was du auch versucht hast. Du nahmst jeden Tipp der Hebammen an. So bestand dein täglicher Kreislauf bald aus Wärmewickeln, Abpumpen, Desinfektion der Pumpe, Stilltees, Malzbier, Quarkwickeln und Tabletten. Du das alle zwei bis drei Stunden von vorn.

Hinzu kamen nach drei Wochen zwei Brustentzündungen hintereinander mit hohem Fieber und eine entzündete Kaiserschnittnarbe. Durch das Antibiotikum, das du daraufhin schlucken musstest, durfte dein Baby nicht mehr von deiner Milch trinken. Der Moment, in dem du am Waschbecken standest und die wenige Milch, die du hattest in den Abfluss rinnen sahst, war einer der schlimmsten Augenblicke deines Lebens, bei dem Gedanken daran dir heute noch ein Schauer über den Rücken läuft.

Nach einem Monat gabst du auf. Du warst am Ende. Sowohl körperlich als auch seelisch. Du hattest dein Baby in den ersten Wochen kaum in den Armen gehalten. Immer hingst du an der Pumpe, hattest Schmerzen oder warst gerade in irgendwelche Wickel gepackt. Du hattest Angst, um die Bindung zu deinem Kleinen und hast schließlich die Reißleine gezogen. Keine Muttermilch der Welt konnte dieses Martyrium wert sein.

Beim nächsten Mal wird alles anders
Beim nächsten Mal wird alles anders

Heute kann ich dir sagen, dass dies eine der besten Entscheidungen war, die du je getroffen hast. Denn ab da hattest du endlich wieder Frieden. Du hast die Zeit mit deinem Baby verbracht, anstatt sie mit Schmerzen und Pumpen zu verbringen. Endlich habt ihr richtig zueinander gefunden.

Auch heute – über ein Jahr später – versetzt es dir noch einen Stich, wenn andere Frauen von ihrer natürlichen Geburt erzählen oder wie schön das Stillen ist. Doch heute geht es dir nicht mehr so nahe, denn du hast diese Zeit hinter dir gelassen. Zumindest meistens.

Ich möchte dir – als dein altkluges Zukunfts-Ich – heute noch etwas mit auf den Weg gegeben, falls du mal ein Geschwisterchen planen solltest: Beim nächsten Mal wird alles anders. Du hast Fehler gemacht und kannst daraus lernen. Vertraue auf dich und deinen Körper. Nimm nicht jeden gut gemeinten Ratschlag an. Informiere dich im Voraus besser und – ganz wichtig – setze dich nie wieder derart unter Druck. Dann wirst du das Kind schon schaukeln.

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Dieser Text gärt schon seit einem Jahr in mir. Die bisherigen Versuche inn aufzuschreiben habe ich immer abgebrochen. Zu sehr haben mich die Erinnerungen belastet. Doch dann habe ich heute den großartigen Beitrag von der lieben Tanja vom Blog Tafjora gelesen und so viele Parallelen entdeckt. Dass sie über ihre Erfahrungen mit dem Kaiserschnitt gebloggt hat, hat mir den zusätzlichen Mut verliehen, mir meine Geschichte endlich von der Seele zu schreiben. Deshalb an dieser Stelle einen ganz großen Dank und lieben Gruß an Tanja.

Beim nächsten Mal wird alles anders #MeinBriefAnMich
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6 Gedanken zu „Beim nächsten Mal wird alles anders #MeinBriefAnMich

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  • 2. September 2015 um 10:46
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    Liebe Anja,
    dein Brief an mich hat mich berührt da ich vor kurzem vor der selben Entscheidung stand. Ich habe zwar keine Augenerkrankung, aber bin -14 Dioptrien kurzsichtig und wurde auch schon wegen defekter Netzhautstellen gelasert. Ich stehe im Moment 9 Tage vor meinem errechneten Geburtstermin und habe auch sehr lange wegen meiner Augen und den Presswehen einen Kaiserschnitt am Radar gehabt. Ich war aber bei 3 Augenärzten, davon eine führende Augenklinik in Wien, ein Netzhautchirurg und ein auf hohe Myopie spezialisierter Arzt. Alle 3 kamen nach gründlicher Untersuchung zu dem Schluss, dass das Risiko verschwindend gering bzw. nicht vorhanden ist da man bei den Presswehen nicht in den Kopf presst sondern sich der Druck im gesamten Körper verteilt. Es handelt sich um veraltete Ansichten und es gibt auch neue Studienergebnisse dazu. Zudem wird mein Gynäkologe eine PDA legen mit welcher sich der Druck nochmals verringert. Ich hoffe ich konnte dir Mut machen falls du ein zweites Mal schwanger wirst und berichte dir nach meiner Geburt gerne von meinen Erfahrungen. Alles Liebe, Angelika

    Antworten
    • 3. September 2015 um 22:53
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      Hallo Angelika,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar und deine Erfahrungen. Dass die Ansicht mit den Presswehen veraltet ist wusste ich bisher nicht. Vielen Dank für diese Info! Das erleichtert mich ungemein und zeigt mir einmal mehr, dass ich mich frühzeitig nach Experten umschauen muss, wenn es einmal bei uns ein zweites Baby geben sollte.

      Ich wünsche dir noch ein paar schöne Schwangerschafts-Tage und nur das Allerbeste für die Geburt und die erste Zeit zuhause!

      Es würde mich sehr freuen, wenn du nach der Geburt irgendwann die Zeit findest, von deinen Erfahrungen zu erzählen.

      Liebe Grüße
      Anja

      Antworten
      • 26. September 2015 um 19:11
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        Liebe Anja,
        so, die Geburt ist vorbei, unsere kleine Katia ist am 16.9. gesund zur Welt gekommen! :-) Wie versprochen melde ich mich nochmal. Leider kann ich dir keine Neuigkeiten berichten, nachdem bei mir aufgrund eines Geburtsstillstandes nach 10h Wehen ein Kaiserschnitt durchgeführt werden musste. Daher kann ich auch nicht von möglichen Auswirkungen auf die Augen während der Presswehen berichten. Ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass 3 Augenärzte nicht irren können und würde es wieder so angehen.
        Dir alles Liebe und Gute und ich freue mich weiterhin auf Beiträge auf deinem Blog, den ich mittlerweile sehr gerne lese.
        Lg Angelika

        Antworten
        • 26. September 2015 um 21:33
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          Liebe Angelika,

          meine Güte, da bist du erst vor ein paar Tagen Mama geworden und nimmst dir schon die Zeit mir zu antworten. Ich bin platt. Vielen Dank und meinen herzlichen Glückwunsch!
          Ich hoffe, dir geht es nach den Geburtsstrapazen wieder einigermaßen gut und du kannst die Zeit mit deiner kleinen Katia genießen.
          Du hast aus meiner Sicht genau das Richtige getan und die Sache bei verschiedenen Ärzten konkret abklären lassen. Genau das werde ich (sollte es noch einmal Nachwuchs bei uns geben) auch tun.

          Ich freue mich sehr, dass du meinen Blog gerne liest und hoffe, du hast auch weiterhin Spaß hier.
          Und nun husch zurück ins Wochenbett und genieße so viel Baby-Flausch wie möglich ;-)

          Liebe Grüße und danke nochmal
          Anja

          Antworten
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